Jan Sonntag, Dipl. Musiktherapeut FH

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praxis alte wache, Hamburg

 

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Interview vom 20. Januar 2012 von Dr. Birgit Teichmann

 

Herr Sonntag, Sie sind Musiktherapeut und haben als Arbeitsschwerpunkt Musiktherapie mit Menschen mit Demenz (MmD) gewählt. Wie kann man sich Musiktherapie mit MmD vorstellen?

In der Musiktherapie wird Musik als Mittel der Beziehungsgestaltung angesehen. Für Menschen mit Demenz bietet sie in diesem Zusammenhang kostbare Möglichkeiten, mit sich und ihrer Umwelt in Kontakt zu treten, emotionalen Halt zu erleben, Gefühle zu erleben und auszudrücken, sowie mit ihrer eigenen Lebensgeschichte in Verbindung zu bleiben. Je nach Indikation (z.B. Grad der Demenz) findet Musiktherapie in Einzel- oder Gruppensitzungen statt. Methodisch steht häufig das prozessgeleitete und vom Musiktherapeuten instrumental begleitete Singen von Liedern im Vordergrund: In den Liedern spiegeln sich die Stimmungen und Befindlichkeiten, sie sind „Vehikel“ für Erinnerungen und Medium der Kommunikation. Für anschauliche Beschreibungen und Videodarstellungen musiktherapeutischer Begegnungen siehe Muthesius, D., Sonntag, J., Warme, B. & Falk, M. (2010): Musik – Demenz – Begegnung. 

 


Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, wie sich das aktive Musizieren oder auch das Hören bestimmter Musik auf die Stimmung von MmD auswirkt?

Demenz ist derzeit das wohl am eingehendsten untersuchte Einsatzgebiet der Musiktherapie. Die Wirksamkeit von Musik zu untersuchen, stellt die Forscher allerdings vor gravierende Probleme, da sich in den Wohnumgebungen von Menschen mit Demenz schwerlich die Voraussetzungen „sauberer“ Studien herstellen lassen und jede Veränderung der Umgebung zum Zwecke der Forschung wiederum erhebliche Veränderungen von Verhalten und Erleben der Probanden zur Folge hat. Dennoch: Einige Wirksamkeitsstudien weisen signifikante Reduktion von Agitiertheit, Angst und Depressivität nach. Sie führten zur Aufnahme der Musiktherapie in die S3-Leitlinien. Neben quantitativen Studien spielen qualitative Untersuchungen eine wichtige Rolle in der wissenschaftlichen Begleitung der Musiktherapie. Für eine aktuelle Übersicht siehe Wosch, T. (Hg.) (2011): Musik und Alter in Therapie und Pflege, Kap. 1.

 

 
Wie kommt es, dass einige MmD Liedtexte mit mehreren Strophen flüssig singen können, während sie nicht in der Lage sind, kurze Sätze zu sprechen?

… einer der kostbarsten Schätze, die Musik für Menschen mit Demenz mit sich trägt! Leider (oder zum Glück) kann man es nicht mit einem einzigen Ansatz erklären. Sicherlich spielt das prozedurale Gedächtnis eine Rolle: Lieder werden wie Handlungsabläufe memoriert und somit im Gedächtnis fest verankert. Dazu trägt ihre einfache musikalische Struktur (Reime, simple Melodien, wiederkehrende Refrains etc.) bei. Musik ist zudem, verglichen mit der Sprache, im Gehirn viel umfassender vernetzt. Bildgebende Verfahren zeigen, wie das gesamte Gehirn beim Musizieren praktisch „glüht“. Ein weiterer Aspekt ist die Emotionalität: Musik ist die „Sprache der Gefühle“, und was mit Emotionen (zumal häufig positiven) verbunden ist, wird besser erinnert. Auch viele Kinder singen übrigens zusammenhängende Sätze und Strophen noch bevor sie Zweiwortsätze zu sprechen in der Lage sind.



Wie wichtig ist die Biografie eines Menschen für die Arbeit mit Musik?

Sehr wichtig, vor allem wenn man den biografie-raubenden Kräfte entgegenwirken will, die auf alte Menschen mit Demenz wirken, wozu neben der dementiellen Veränderung auch systemische Bedingungen gehören: Nach dem Verlust der nächsten Angehörigen, möglicherweise vielen Krankenhausaufenthalten und Jahren im Pflegeheim bleibt häufig nur noch eine schmale Akte mit medizinischen Daten. Aus dem „Fall“ wieder eine „Person“ hervortreten zu lassen, ist eine zentrale Aufgabe psychosozialer Begleitung, so auch der Musiktherapie. Interessant ist die Erfahrung, dass die erinnerungsauslösende Wirkung von Musik viel Biografisches hervorbringt, das dann in die Beziehungsarbeit aber auch in den interdisziplinären Austausch einfließen kann.
Andererseits: Überpersönliche (archaische und spirituelle) Aspekte der Musik ermöglichen musikalische Begegnungen auch jenseits der persönlichen Lebensgeschichte.



Welche psychologischen, sozialen oder körperliche „Ziele“ möchte man mit Hilfe der Musiktherapie erreichen?

Die Anführungsstriche finde ich angemessen in Anbetracht der Lebenssituation demenzbetroffener Menschen. Was soll noch erreicht werden? Neben individuell abgestimmten Themen und Zielen, findet Musiktherapie sicherlich in der Absicht statt, Identität zu erhalten, Wohlbefinden zu erleben, Emotionalen Halt zu geben, Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen (das kann Musik wie kein zweites Medium!), authentische Begegnungen zu ermöglichen. Oftmals geht es darum, etwas, das zum Erliegen gekommen ist, wieder in Bewegung zu bringen. Und aus innerer (seelischer) Bewegung folgt nicht selten äußere (körperliche) Bewegung, die Lust zu tanzen: Sturzprophylaxe par excellence.



Kann sich der Musikgeschmack auch noch während der Erkrankung ändern, d.h. wenn ein Mensch ein Leben lang nur klassische Musik gehört hat, kann es dann sein, dass er während der Erkrankung doch mehr von U-Musik angezogen wird?

Es kommt nicht selten vor, dass im Verlauf einer Demenz einfache Musik komplexer vorgezogen wird. Eine Patientin aus bildungsbürgerlichem Milieu, die bei Einzug ins Pflegeheim verächtlich die Nase über Mitbewohner rümpfte, die Volkslieder sangen, sang wenige Monate später ebendiese mit Begeisterung selbst. Die vormals so geliebte Musik von Brahms und Liszt hingegen, irritierte sie.



Welche Tipps können Sie Angehörigen mit auf den Weg geben, die bei der Pflege zu Hause Musik in den Alltag integrieren möchten?

Je weiter fortgeschritten Alter und Demenz, desto wichtiger werden folgende Hinweise: Betrachten Sie Musik nicht als eine Angelegenheit von Experten, sondern als ursprünglichen „Teil des Menschseins“ (Oliver Sacks), der nicht eingeübt werden muss. Erinnern Sie sich an den frühen Dialog zwischen Mutter/Vater und kleinem Kind, in dem Laute und Melodien inniger Verständigung dienten. Singen Sie, was Ihnen gerade einfällt, und geben Sie auch ihrer Sprechstimme sowie Ihren Bewegungen musikalischen Ausdruck. Betrachten Sie Musik nicht wie Medizin, sondern als ein Mittel, das Miteinander zu gestalten. Versetzen Sie sich und anderen nicht unter Leistungsdruck, sondern sorgen Sie für eine zwanglose Atmosphäre.

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Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 18.04.2012
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