Dr. Renate Narten

Zur Person

Büro für sozialräumliche Forschung und Beratung, Hannover

 

               Narten

 

Interview vom 07.05.2012 von Birgit Kramer

 

Frau Dr. Narten, Sie sind Expertin, wenn es um das Thema „Wohnen im Alter“ geht. Seit wann beschäftigen Sie sich mit diesem Thema?

Seit meiner Dissertation zum Thema „Wohnbedürfnisse alter Frauen“ Ende der 80er Jahre. Nach Beendigung meiner Dissertation habe ich Aufträge und Anfragen bekommen, um zum Beispiel Planungsempfehlungen zu schreiben oder Forschungsprojekte zu bearbeiten. So bin ich einfach bei diesem Thema geblieben.

 

Sie haben 1996 das Büro für sozialräumliche Forschung und Beratung in Hannover gegründet. Worin genau besteht Ihre Forschung und an wen richtet sich Ihr Angebot?

Ich forsche über die Wohnbedürfnisse älterer Menschen und über Wohnalternativen zum Heim. Meine Beratungstätigkeit richtet sich an alle, die Wohnprojekte für ältere Menschen entwickeln, barrierefreie Häuser bauen oder Barrieren in vorhandenen Häusern und Wohnumfeldern abbauen wollen. Meine Aufträge bekomme ich von Ministerien, Kommunen, Wohnungsunternehmen, Wohlfahrtsverbänden und manchmal auch von Architekten, die sich meine Expertise für ihre Bauprojekte einholen.

 

Wenn wir uns die Situation in Deutschland anschauen, wie altersgerecht sind unsere Wohnungen und Häuser?

Die meisten Wohnungen und Häuser sind von ihren baulichen Voraussetzungen her nicht altersgerecht. Sie haben aber häufig Vorteile für das Leben im Alter, die ebenso wichtig sind, d.h. sie bieten ein vertrautes Wohnen in einem vertrauten Wohnviertel mit bekannter Nachbarschaft. Dies hat positive Wirkungen auf die Lebenszufriedenheit, die Orientierung (bei Demenz) und die soziale Integration und Teilhabe.

 

Viele Wohnungen oder Häuser müssen nachträglich an die veränderten Bedürfnisse älterer Menschen angepasst werden. Wo liegt denn der Hauptanpassungsbedarf in Deutschland?

Der Hauptanpassungsbedarf liegt in den Bädern und bei den Zugängen zum Haus, zu den einzelnen Räumen und zum Freisitz. Bei den Bädern beispielsweise geht es um die Toiletten, die eventuell eine Sitzerhöhung brauchen; um die Waschbecken, die unterfahrbar sein müssen; um Spiegel, in denen man sich auch im Sitzen sehen kann; um ausreichend Haltegriffe und vor allem um Bewegungsflächen. Natürlich geht es auch um den Einstieg in die Badewanne und um barrierefreie Duschen. Badezimmertüren müssen breit genug und schwellenfrei sein, um mit einem Rollator oder Rollstuhl hindurch fahren zu können. Die freie Zugänglichkeit zum Fenster muss gewährleistet sein, damit man das Fenster bei Bedarf ohne Hilfe öffnen kann. Das Fenster sollte also nicht hinter der Toilette oder Badewanne sitzen. Das sind ganz typische Anpassungsbedarfe im Badezimmer.

Die Zugänge zum Haus und zu den einzelnen Räumen müssen natürlich auch breit genug und schwellenfrei sein. Das Thema Rollstühle steht heute erst an zweiter Stelle, das Hauptthema sind die Rollatoren. Wir haben viel mehr Leute mit Rollatoren als mit Rollstuhl. Der Rollator gehört schon fast zum Standardequipment eines älteren Menschen. Und darauf müssen eigentlich alle Wohnungen eingestellt sein. Die Nutzung eines Rollators stellt ähnliche Ansprüche an die Wohnung wie die Nutzung eines Rollstuhls, nur dass der Wendekreis etwas kleiner ausfällt.

Ein Bereich, der oft unterschätzt wird, ist der Zugang zum Balkon. Die Tür ist meistens zu schmal und weist oft schwierige Schwellen auf, die mehrfach unterteilt und mit unterschiedlichen Niveausprüngen versehen sind. Gerade hier wäre ein niveaufreies Bauen angebracht, um Menschen, die aufgrund ihrer Mobilitätseinschränkungen nicht mehr so leicht aus dem Haus gehen können, zumindest den Balkon oder die Terrasse zugänglich zu machen.

 

Mit welchen Maßnahmen kann hier Abhilfe geleistet werden?

Es gibt eine Menge Hilfsmittel, mit denen z.B. Zugänge erleichtert und Sanitäreinrichtungen besser nutzbar gemacht werden können. Beispiele für Hilfsmittel sind Handläufe beidseitig der Treppe und Haltegriffe an allen benötigten Stellen. Es gibt Treppen und Plattformlifte zur Überwindung von Stufen, mobile und flexibel anpassbare Rampen, Wannenlifte und Badebretter für die Badewanne. Eigentlich gibt es eine Menge kleiner und großer Hilfsmittel. Wenn allerdings die notwendigen Bewegungsflächen oder die Türen zu schmal ausfallen, sind Umbauten erforderlich.

 

Und wie sieht es bei Neubauten aus? Wird da mittlerweile an mögliche ältere Bewohner gedacht und vorsorglich auch fürs Alter geplant?

Es gibt immer mehr Bauherren, die Aspekte der Barrierefreiheit bei ihren Neubauten berücksichtigen. Hierzu trägt vor allem die breite Diskussion dieser Fragen in der Öffentlichkeit, eine zunehmende Qualifikation von Architekten und Handwerkern in diesem Bereich sowie ein breiter werdendes Angebot ansprechender Projekte im Fachhandel bei.

 

Trotzdem müssen auch weiterhin Neubauten ggf. nachgerüstet und angepasst werden. Was glauben Sie, warum auch heute noch nach altem Standard gebaut wird?

Diejenigen, die noch immer nach altem Standard bauen, haben noch nicht begriffen, dass Alter und Behinderung keine plötzlich auftretenden, isolierte Erscheinungen sind, sondern zu einem normalen Lebenslauf dazu gehören. Auch Politiker, die fragen, wie viel Prozent altersgerechte Wohnungen wir benötigen, habe nicht begriffen, dass jeder Mensch alt wird und nicht allein wegen seiner altersbedingten Einschränkungen aus seiner Wohnung ausziehen möchte. Es ist also dieses Schubladendenken, bei dem Menschen nach Lebenslagen sortiert werden, für die spezifische Angebote entwickelt werden müssen, das einer breiten Durchsetzung des barrierefreien Bauens entgegensteht.

 

Gibt es eine Art Checkliste, an der sich Architekten und Bauherren orientieren können?

Es gibt viele Broschüren zum barrierefreien und altengerechten Bauen, die auch Checklisten enthalten. Vor allem gibt es DIN-Normen zum barrierefreien Bauen, an denen sich alle orientierten können. Das Problem liegt darin, dass diese Normen und Checklisten im normalen Wohnungsbau zu wenig beachtet werden, weil man meint, sie nur bei Sonderbauvorhaben für Alte und Behinderte anwenden zu müssen.

 

Wenn wir ab jetzt nur noch altersgerecht bauen, haben wir dann eventuell ein Problem, weil junge Menschen und Familien nicht in altersgerechten Wohnungen oder Häusern leben möchten?

Altersgerechte Häuser sind auch für junge Menschen komfortabel, weil sie weniger Barrieren und mehr Bewegungsflächen enthalten. Breite Türen, genügend Bewegungsflächen, Schwellenfreiheit, Zugänglichkeit von Fenstern und ähnliche Merkmale einer altersgerechten Wohnung sind Komfortmerkmale, die unabhängig vom Alter als angenehm empfunden werden. Es ergeben sich daraus keine Nachteile, sondern nur Vorteile. Gerade auch junge Menschen und Familien profitieren von mehr Platz, mehr Bewegungsfreiheit und Türen, durch die neben Rollatoren und Rollstühlen ggf. auch ein Kinderwagen passt.

 

Vielleicht können Sie kurz noch beschreiben wie altersgerecht Sie selbst wohnen?

Ich wohne gar nicht altersgerecht, weil ich in jungen Jahren eine Altbauwohnung erworben habe, die alle typischen Mängel an Barrierefreiheit aufweist, die in Häusern dieses Alters üblicherweise zu finden sind. Wie viele andere Menschen meines Alters stehe ich vor der Frage, ob ich die vorhandenen Mängel durch Anpassungsmaßnahmen und Umbauten beheben oder lieber in eine geeignetere Wohnung umziehen soll. Die Entscheidung darüber hängt wesentlich von meinem sozialen Umfeld ab.

 

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Zur Person

Frau Dr.-Ing. Renate Narten M.A. wurde 1952 in Hannover geboren. Sie studierte Soziologie, Politik und Stadtplanung. Von 1979 bis 1985 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Hochschulforschung, von 1985 – 1996 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Institut für Architektur- und Planungstheorie der Universität Hannover, Fachgebiet „Architektursoziologie“. 1996 gründete Frau Dr. Narten das Büro für sozialräumliche Forschung und Beratung in Hannover mit dem Arbeitsschwerpunkt „Wohnen im Alter“. 

 

Sokoll: Administrator
Letzte Änderung: 28.06.2013
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