PD Dr. Reinhard Lindner

Zur Person

Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete, Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf

 

Lindner

 

 

 

 

 

 

 

Interview vom 28. September 2010 von Astrid Söthe-Röck

 

Was ist überhaupt Suizidalität? Können Sie das kurz beschreiben?

Suizidalität umfasst alle bewussten und unbewussten Gefühle, Gedanken und Handlungen, die auf den selbst herbeigeführten Tod hin orientiert sind. Suizidale Personen sind meist hoffnungslos und verzweifelt über sich selbst, das eigene Leben und seine Perspektiven. Sie erleben ihre Situation als ausweglos. Oft besteht eine erhebliche Angst vor Verlust, sowohl vor dem Verlust anderer Menschen als auch von Aspekten der eigenen Person. Auslöser sind vorrangig interpersonelle Konflikte, Trennungen oder der Tod wichtiger Bezugspersonen sowie Kränkungen, berufliche Probleme, das Erleben schwerer Erkrankungen sowie Einsamkeit und Selbstwertverlust.

 

Sie haben behauptet „Suizidalität trägt die Handschrift des Alters“. Was meinen Sie damit?

Jede zweite Frau, die sich in Deutschland umbringt ist über 60 Jahre alt. Die Suizidraten alter Männer übersteigen die mittlere Suizidrate in der Bevölkerung, mit zunehmendem Alter ansteigend, um das bis zu Fünffache.

 

Wie sieht Suizidalität im Alter aus? Was ist z.B. der Unterschied zu suizidalen Gedanken bei Jugendlichen?

Alte Menschen bringen sich schneller um, d.h. sie unternehmen weniger oft vor einem Suizid Suizidversuche und nutzen effektivere Suizidmethoden. Obwohl statistisch immer noch die höchste Suizidrate in der Gruppe alter, allein und einsam lebender Männer mit Alkoholproblemen zu finden ist, sind interpersonelle Probleme in langen Ehen oder mit erwachsenen Kindern ein häufiger Auslöser für Suizdialität im Alter. Außerdem gewinnt der Körper im suizidalen Geschehen eine zunehmend wichtige Rolle: Die Fragen, wie mit Einschränkungen umgegangen wird, welchen Einfluss die körperlichen Veränderungen, seien sie alters- oder krankheitsbedingt, auf das Selbsterleben, den Selbstwert und die Identität haben, sind häufiger mit suizidalen Phantasien verknüpft.

 

Wie wird Suizidalität im Alter von der Gesellschaft wahrgenommen?

Suizid und Suizidalität sind allgemein gesellschaftlich tabuisiert. Besonders bei alten Menschen wird schneller angenommen, auf diese Art und Weise aus dem Leben zu scheiden sei „verständlich“ und zu tolerieren.

 

Ist es aber nicht auch nachvollziehbar, wenn ein älterer Mensch nach einem erfüllten Leben den Wunsch äußert, sein Leben aus eigener Kraft zu beenden? Können und dürfen Sie als Mediziner so denken?

Wie bereits gesagt, ist dieser Gedanke sehr weit verbreitet und entspringt einer Tabuisierung der hinter einem suizidalen Akt liegenden Gefühle der (Zukunfts-)Angst, der Verzweiflung und der ausweglos erscheinenden Lebenssituation. Kaum ein Mensch bringt sich nach einem „erfüllten Leben“ um, denn die Erfüllung, die Bindungen und Beziehungen halten ihn ja am Leben. Deshalb ist es immer sinnvoll, nach dem Leiden zu fragen, das hinter den Suizidabsichten stecken könnte. Andererseits ist es von großer Wichtigkeit, auch als Arzt, nicht „um jeden Preis“ einen Menschen „retten“ zu wollen, sondern mit Respekt vor der Individualität des Patienten nach den Auslösern und Ursachen für suizidales Erleben zu suchen.

 

Wie können wir damit umgehen, wenn wir merken, dass z.B. ein guter Freund oder Angehöriger andeutet, sich das Leben nehmen zu wollen?

Das Wichtigste ist, es überhaupt zu erkennen und ernst zu nehmen, wenn eine nahe Person darüber spricht, nicht mehr Leben zu wollen, sich das Leben nehmen zu wollen, am liebsten tot sein zu wollen. In dieser Situation ist das Ansprechen, Zuhören und Aufnehmen der Hintergründe, aber auch des Befindens dieser Person besonders wichtig; wichtiger als eine schnelle Lösung, eine Beruhigung oder eine aktive Maßnahme. Trotzdem sollte dem suizidalen Älteren vermittelt werden, dass es professionelle Hilfen gibt und dass man selbst ihm oder ihr wünscht, er oder sie könnte derartige Hilfen annehmen.

 

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Zur Person

PD Dr. Reinhard Lindner ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und leitet das Therapiezentrum für Suizidgefährdete (TZS) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Zudem arbeitet er im Rahmen eines Stipendiums des Forschungskollegs Geriatrie der Robert Bosch Stiftung an der Medizinisch-Geriatrischen Klinik Albertinen-Haus, Hamburg.

 

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Letzte Änderung: 05.10.2010
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