Prof. Dr. Thomas Klein

Zur Person

Direktor des Instituts für Soziologie, Universität Heidelberg

 

Klein, Fotos von Michael Doh, NAR

Interview vom 14. November 2007 mit Dr. Birgit Teichmann

 

Prof. Klein, wenn wir wissen möchten, was wir tun können, um gesund zu altern, heißt es meist: Gesunde, mediterrane Ernährung, geistige Fitness und Bewegung. Wie sieht es denn aus mit der körperlich-sportlichen Aktivität in der zweiten Lebenshälfte?

Im Alltagsbewusstsein ist fest verankert, dass Sport im Alter nachlässt und dass alte Menschen weniger Sport treiben als junge. Das ist aber nur in gewisser Weise richtig und in gewisser Weise auch falsch, weil dies gar nicht so viel mit dem Alter selbst zu tun hat als vielmehr damit, dass die ältere Generation auch schon zeitlebens weniger Sport getrieben hat. D. h. dass 60- bis 70-Jährige auch vor 30 Jahren nicht sehr viel sportlicher waren, während heute Menschen in mittlerem Lebensalter durch die Fitnesswelle der letzten Jahrzehnte geprägt sind und erwarten können, dass sie weiterhin mehr oder weniger so sportlich bleiben wie sie heute sind. Es sind also eher Generationsunterschiede als Altersunterschiede. Man kann zwar sagen, dass in der Tat mit zunehmenden Alter der Einstieg in eine sportliche Betätigung nachlässt. Aber für diejenigen, die Sport treiben, nimmt auch der Ausstieg aus einer sportlichen Betätigung ab. Es findet also eher eine Verfestigung des sportlichen respektive des nicht sportlichen Lebensstils statt. Was man in der Medizin als Prävalenz bezeichnet ändert sich hingegen im Lebenslauf gar nicht so sehr, wie man denkt.

 

Wie kann die körperliche Aktivität älterer Menschen gefördert werden? Wo bekommen Ältere Informationen her, wenn sie wissen möchten, was für Aktivitäten es für ihre Altersgruppe gibt?

Wo sie Informationen herbekommen, da weiß ich auch nicht mehr als andere. Man kann sich natürlich an Sportverein oder die Volkshochschule wenden, oder im Telefonbuch nachschauen oder direkt im Fitnessstudios. Aber ich würde eher eine grundsätzliche Anmerkung dazu machen, die so aussieht, dass es natürlich keine Aktivitäten für bestimmte Altersgruppen als Angebot gibt, sondern dass Aktivität von dem kommt der aktiv ist, das ist ja im Wort enthalten. Sehr viele Sportarten brauchen obendrein keine Infrastruktur – Beispiele sind Laufen, Joggen, Radfahren, was ja auch in der sportlichen Variante zunehmend beliebt ist.

 

Ich hatte es eher als Motivationsförderung gedacht, wenn man vom Hausarzt gesagt bekommt, man soll sportlich aktiv sein. Ab einem gewissen Alter sind Hemmschwellen da, in ein Fitnessstudio zu gehen, in das vor allem jüngere Menschen zu finden sind.

Es ist eine Sache des Lebensstils: Je älter man wird, um so schwerer fällt es einem, den Lebensstil zu ändern, das ist richtig.  Das fängt natürlich auch längst unterhalb der sportlichen Aktivität an, beispielsweise schon mit der Mobilität, wenn man gewohnt ist, jeden Meter mit dem Auto zurückzulegen. Morgens Sportsachen anzuziehen, ist natürlich etwas gewöhnungsbedürftig für jemanden, der das noch nie gemacht hat. Es ist nicht die Kleidung, die man gewohnt ist und mit der man sich identifiziert. Auch im Fitnessstudio neben den ganzen Jungen als Älterer, das mag ebenfalls eine gewisse Hürde sein, aber man gewöhnt sich auch dran. Ich bin selbst im Fitnessstudio, und da gibt es alle Altersgruppen, durchaus auch Über-60-Jährige, die nicht unbedingt eine schlechtere Figur abgeben als manche jüngeren.

 

Sie analysieren die Lebenserwartung in Bezug zu Bildung, Einkommen und der partnerschaftlichen Lebenssituation. Muß man reich sein, um gesund zu altern?

Ob man nun reich sein muss, d. h. ob das Einkommen ausschlaggebend ist oder eher die Bildung oder der Beruf, das ist bislang wissenschaftlich nicht abschließend erforscht. Was man aber definitiv sagen kann ist, dass sich ein höherer Sozialstatus definitiv günstig auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirkt. Allerdings ist es auch so, dass es weniger darauf ankommt reich zu sein, als darauf, nicht arm zu sein. Die Unterschiede zwischen einem niedrigen und einem mittleren Sozialstatus im Hinblick auf Gesundheit und Lebenserwartung sind viel größer, als zwischen mittlerem und höherem Status.

 

Bildung hilft vielleicht, gesund zu altern, da man dadurch andere finanzielle Möglichkeiten hat und einen Job, in dem man auch geistig gefordert ist. Sind aber gebildete Alte glücklicher als weniger gebildete?

Also ob sie glücklicher sind, weiß ich nicht, dass kann vielleicht eher ein Psychologe sagen, aber jedenfalls haben sie weniger Veranlassung unglücklich zu sein, denn sie sind tendenziell gesünder und haben bessere Lebensbedingungen. Allerdings ist es auch so, dass die sozialen Unterschiede der Gesundheit mit zunehmenden Alter geringer werden, sich also langsam angleichen. Die Unterschiede der Gesundheit zwischen den Sozialgruppen sind in jüngerem Alter größer als in höherem Alter.  Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ein wichtiger Grund ist Selektion, denn gerade in den Sozialgruppen, in denen eine höhere Sterblichkeit besteht, überleben in verstärktem Maße nur diejenigen, die besonders gesund sind, was später im Alter die sozialen Unterschiede der Gesundheit verringert.  Ein anderer Grund für die Angleichung des Gesundheitszustands im Alter besteht darin, dass verschiedene Gründe für die unterschiedliche Sterblichkeit und die unterschiedliche Gesundheit mit dem Alter an Bedeutung verlieren.  Ein Beispiel sind die Arbeitsbedingungen: Wenn man im Ruhestand ist, haben diese keinen unmittelbaren Einfluss mehr.

 

Man liest immer wieder, dass Männer eine größere Chance haben alt zu werden, wenn sie verheiratet sind, es für Frauen hierdurch jedoch keinen Gewinn an Jahren gibt. Gibt es hier Veränderungen in den letzten Jahren, bedingt durch die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen?

Es gibt in der Tat Untersuchungsergebnisse, die in diese Richtung weisen, dass Männer in gesundheitlicher Hinsicht stärker von einer partnerschaftlichen Beziehung profitieren als Frauen. Es gibt aber auch Untersuchungen, die das Gegenteil aussagen, auch wenn es weniger sind. Was man zur Begründung sehr häufig anführt ist, dass Männer wohl weniger in der Lage seien, sich selbst zu versorgen und zu kochen. Was die Zukunft betrifft, ist aber in dieser Hinsicht sicher einiges im Wandel begriffen. Wenn die Generation mittleren Alters mal älter ist, haben sich viele dieser Dinge geändert. Was man generell sagen kann: Egal ob nun Männer oder Frauen mehr von der Partnerschaft profitieren, definitiv ist es so, dass der Partnerschaftseffekt sehr günstig für Gesundheit und Lebenserwartung ist und das gilt für beide Geschlechter. Was man zudem zum Geschlechtsunterschied der Lebenserwartung sagen kann ist, dass die Lebenserwartung von Männern aktuell stärker steigt als die von Frauen. Dafür gibt es verschiedene Gründe, wie unter anderen auch die Annäherung des Lebensstils und der Lebensumstände von Männern und Frauen. Was die Lebensumstände betrifft, ist die von Ihnen angesprochene Berufstätigkeit von Frauen zu nennen, aber auch der gesundheitsrelevante Lebensstil – damit meine ich Sport, Rauchen und vieles mehr – ist heute zunehmend weniger durch die Geschlechtszugehörigkeit bestimmt. Ein weiterer Grund für die Annäherung der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen besteht auch darin, dass die Kriegsjahrgänge mit der Zeit aussterben, wobei in den Kriegsjahrgängen im Zweiten Weltkrieg vor allem die Gesünderen, nämlich die Wehrtüchtigen, gestorben sind und eher die Ungesunden überlebt haben und dann zu einer geringeren Lebenserwartung bei den Männern im Alter beigetragen haben. Mit dem Aussterben dieser Kriegsgeneration werden die Männer auch stärker aufholen, was die Lebenserwartung betrifft.

 

Welchen Nutzen hat der Bürger von ihren Forschungsergebnissen?

Bei dem von der Landesstiftung Baden-Württemberg geförderten Projekt über Sport im Alter beispielsweise, sollen die Ergebnisse dazu beitragen, wissenschaftlich begründete Empfehlungen zur Förderung von körperlich sportlicher Aktivität älterer Menschen zu geben.

 

Welche Vorteile erwarten Sie durch die Einbindung ins Netzwerk AlternsfoRschung, in dem Wissenschaftler vieler Forschungsbereiche zusammen arbeiten?

Ich freue mich auf einen engeren Austausch mit Kollegen und auf neue Kontakte zu Kollegen, die mit ähnlichen oder angrenzenden Fragestellungen beschäftigt sind. Ich denke, dass das meinen Forschungen zugute kommt und sich vielleicht auch in gemeinsamen Forschungsprojekten niederschlägt. Aber auch für die Lehre erwarte ich viele Anregungen. Ich bin zwar im Institut für Soziologie tätig, werde aber im Rahmen dieser Tätigkeit auch am zukünftigen Masterstudiengang der Gerontologie mitwirken.

 

Zur Person

Thomas Klein, geboren 1955 in Heidelberg, studierte Sozialwissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg und promovierte an der Universität Frankfurt. Weitere Forschungsaktivitäten führten ihn an die Universitäten Karlsruhe, Mannheim und Konstanz, bis ihn die Professur für Soziologie an der Universität Heidelberg wieder in seine Geburtsstadt zurückbrachte. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Bevölkerungs- und Familiensoziologie, Sozialstrukturanalyse, Sozialpolitikforschung sowie Methoden der empirischen Sozialforschung.

Thomas Klein ist begeisterter Mountainbikefahrer, jeden Sommer ist er in den Alpen zu finden, wo er sich der Herausforderung der Alpenpässe stellt, spielt Tennis und Badminton und nimmt regelmäßig am Hochschulsport teil. Im Winter ist er auch häufig im Fitnessstudio anzutreffen, wo er besonders gerne dem Kraftsport nachgeht.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 21.05.2014
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