Prof. Elizabeth H. Blackburn, PhD

Zur Person

Morris Herzstein Endowed Professorin in Biologie & Physiologie, Abteilung für Biochemie & Biophysik an der Universität von Kalifornien, San Francisco

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Interview vom 17. Juli 2009 mit Dr. Birgit Teichmann

 

Die Molekularbiologin Elizabeth Blackburn, laut Times eine der 100 einflussreichsten Personen der Welt, sprach beim Heidelberger Forum für Biowissenschaft und Gesellschaft in Kooperation mit dem Netzwerk AlternsfoRschung (NAR) über die „Telomerase und die Gründe des Alterns“

 

Sie gelten als “Königin“ der Telomere die Sie im Jahre 1984 zusammen mit Carol Greider entdeckt haben. Was sind Telomere und Telomerase?

Telomere sind die Enden unserer Erbgutfäden, den Chromosomen. Sie dienen als Schutzkappe, denn sie werden bei jeder Zellteilung ein Stückchen kürzer. Bei einer kritischen Länge stoppt die Teilung der Zelle für immer – die Zelle vergreist. Die Telomerase ist ein Eiweiß, dessen Aufgabe es ist, die Telomere wieder herzustellen. Die beiden Begriffe sind etwas verwirrend – Telomere und Telomerase. Sie kommen aus dem griechischen, telos = Ende, melos = Ort. Wir mussten einfach eine Bezeichnung finden und Tetrahymenathermophilatelomerterminaltransferase war einfach zu lang, das wäre der Name des Wimperntierchens, in dem wir das Eiweiß als erstes entdeckt haben und dessen Funktion.

 

Mit Telomeren und Telomerase werden zwei Aspekte in Verbindung gebracht: Krebs und Altern. Welche Verbindung gibt es zwischen der Telomerlänge und dem Altern? Kann die Telomerlänge als „Alternsuhr“ verwendet werden?

Nein. Es ist eine rein statistische Assoziation, die man in Studien mit einer extrem großen Anzahl von Menschen sieht. Die meisten Menschen sind davon fasziniert und fragen sich, was die Telomerlänge nun aussagt. Doch im Einzelfall sagt sie noch gar nichts. Hierzu sind zahlreiche Studien nötig, vor allem eine Langzeituntersuchung, um zu sehen, was mit den Telomeren passiert. Statistisch gesehen gibt es einen Zusammenhang zwischen Telomerlänge und Alter, hier sieht man, dass die Telomerlänge abnimmt. Man kann aber nicht anhand der Telomerlänge auf das absolute Alter schließen. Und wenn wir uns Tumorzellen ansehen: Sie sind unsterblich, das heißt, sie können sich immer weiter teilen. Ihre Telomere sind aber kurz, dafür besitzen sie eine riesige Menge an Telomerase. Dies zeigt, dass die Telomerase die Telomere beschützt. Es ist also nicht die Telomerlänge alleine, die darüber bestimmt, wie oft sich Zellen noch teilen können, sondern ein Zusammenspiel aus beidem: Der Telomerlänge und der Menge an Telomerase.

 

Sie haben einen direkten Beweis dafür gefunden, dass die Aktivität der Telomerase und damit die Länge der Telomere direkt von emotionalem Stress beeinflusst werden kann. Müssen wir Stress meiden, um lange leben zu können?

Wir untersuchten Immunzellen von insgesamt 58 Frauen, von denen 19 gesunde Kinder und 39 chronisch kranke Kinder versorgten. Die gestreßten Mütter der kranken Kinder besaßen weitaus kürzere Telomere und ein geschwächtes Immunsystem. Dies war der erste Beweis für den Einfluss der Psyche auf die Körperzellen. Die Ergebnisse haben uns sehr verblüfft. Wir konnten auch sehen, dass Patienten mit Risikofaktoren für Herzerkrankungen wenig Telomerase haben. Die Wissenschaft wird immer interdisziplinärer. Vor 10 Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich nun mit Psychologen zusammenarbeite und über eine Intervention mit Meditation nachdenke, um zu sehen, ob es hier einen Effekt auf die Telomerase gibt. Die Trennung von Gehirn und Körper ist eigentlich eine recht unwissenschaftliche. Das Gehirn steuert viele physiologische Aktivitäten, warum nicht auch die Menge an Telomerase, die gebildet wird?

 

Können wir Leben verlängern, indem wir die Telomeraseaktivität regulieren? Oder führt das unweigerlich zur Entstehung von Tumoren?

Telomerase an sich ist nicht für die Entstehung von Tumoren verantwortlich! Tumorzellen haben eine andere Genetik, d.h. wenn die Zellen „nur“ mehr Telomerase bilden, werde sie nicht gleich unsterblich. Momentan ist die magische Pille, die man schluckt und schon hat man mehr Telomerase und die Zellen leben länger noch eine Art Science-fiction. Warum manche Menschen alt werden und andere nicht, ist immer noch ein Geheimnis. Wenn man sie fragt: Was habt ihr gemacht, um so alt zu werden, so bekommt man lediglich eine Antwort, die meist identisch ist: Meine Eltern wurden schon sehr alt. Die zweite Antwort unterscheidet sich immer sehr stark: Ich habe geraucht, ich habe nicht geraucht, ich war dünn, ich war dick, ich habe mich bewegt oder nicht. Demnach gibt es kein Geheimrezept. Genetik ist die eine Sache, aber das Zusammenspiel von Genetik und nicht-genetischen Einflüssen ist spannend und muss noch genau untersucht werden.

 

Im März diesen Jahres haben Sie den L`Oréal/UNESCO-Preis für „Frauen in der Wissenschaft“ gewonnen. Während Ihrer Karriere haben Sie zahlreiche Auszeichnung bekommen. Was bedeutet Ihnen dieser spezielle  Preis?

Der Preis bedeutet mir sehr viel, denn es braucht solche Auszeichnungen, um zu zeigen, dass Wissenschaft und Familie keinen Widerspruch in sich darstellen. Wenn wir uns Zahlen ansehen, auch in meinem Labor, so gibt es bis zum Ende der Promotion etwa gleich viele Frauen wie Männer. Danach driften die Zahlen weit auseinander. In höheren Positionen sind fast keine Frauen mehr vertreten. Das ist eine wahnsinnige Vergeudung von Talent, denn diese Frauen, die sich ganz der Familie widmen, haben ihr Leben lang gelernt. Es muß Beispiele wie mich geben, die zeigen, dass Familie und wissenschaftliche Karriere auf hohem Niveau vereinbar sind. Und daher bin ich glücklich, diesen Preis erhalten zu haben.

 

Über welche spannenden Forschungsergebnisse werden Sie uns als nächstes berichten?

Wir haben eine laufende Studie über Menschen, die Demenzerkrankte pflegen. Wir möchten wissen, wie sich emotionaler Streß auswirkt. Wir arbeiten in unserem Labor aber auch über mechanistische Modelle auf molekularer Ebene, d.h. ich finde es aufregend zu erfahren, wie genau die Telomerase arbeitet. Ich hoffe, noch viel Spannendes auf diesem Gebiet beitragen zu können.

 

Zur Person

Elizabeth Blackburn, geboren 1946 in Hobart, Tasmanien, ist eine australische-US-amerikanische Molekularbiologin, die hauptsächlich für Ihre Arbeiten auf dem Gebiet der Telomer- und Telomerase-Forschung bekannt wurde.

Blackburn studierte an der Universtiät von Melbourne und erwarb 1970 den Bachelor und 1972 den Master of Science. 1975 promovierte sie an der Universität Cambridge in England. Anschließend arbeitete sie als Postdoc an der Yale Universität. 1978 ging sie an das Department of Molecular Biology der Universität von Kalifornien in Berkeley und 1990 schließlich an das Department of Microbiology and Immunology der UCSF in San Francisco. Zur Zeit ist sie Morris-Herzstein-Professorin für Biologie und Physiologie an der Fakultät für Biochemie und Biophysik der Universität von Kalifornien ind San Francisco.

Sie veröffentlichte zahlreiche Arbeiten über Telomerase und erhielt vielfältige Ehrungen und wissenschaftliche Auszeichnungen, u.a. 2006 den Albert Lasker Award for Basic Medical Research und 2007 den Louisa Gross Horwitz-Preis.

Elizabeth Blackburn ist verheiratet mit John Sedat und hat einen Sohn.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 21.05.2014
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