Prof. Dr. Cornelia Wrzus

PROF. DR. CORNELIA WRZUS, UNIVERSITÄT HEIDELBERG

Interview vom 05. November 2018 zum 40. NAR-Seminar "Soziale Beziehungen im Alter"

(durchgeführt von Eva-Luisa Schnabel - Psychologin M.Sc.)

 

Der Begriff „soziales Netzwerk“ wird schnell mit Facebook, Instagram oder ähnlichen Plattformen in Verbindung gebracht. Wie definieren Sie „soziales Netzwerk“ aus alternspsychologischer Sicht?

In der psychologischen, aber auch soziologischen, Forschung versteht man unter dem sozialen Netzwerk eines Menschen alle sozialen Beziehungen, die der Mensch unterhält. Soziale Beziehungen wiederum kennzeichnen sich durch wiederholte Interaktionsmuster zwischen zwei Personen. Das heißt, die Personen haben über einen gewissen Zeitraum miteinander Kontakt, wobei der Kontakt nicht zwingend persönlich sein muss, sondern z.B. auch in Online-Kommunikation bestehen kann. Oft wird das gesamte soziale Netzwerk nochmals unterteilt, z.B. in Familienbeziehungen, Freundesnetzwerke, Unterstützungsnetzwerke, berufliche Netzwerke, etc.

 

Inwiefern verändert sich das soziale Netzwerk über die Lebensspanne und welche Faktoren spielen dabei eine besondere Rolle?

Verschiedene Studien, darunter auch eine Meta-Analyse, die ich und Kollegen und Kolleginnen durchgeführt haben, zeigen, dass mit zunehmendem Alter die Größe der sozialen Netzwerke abnimmt. Das ist vor allem auf eine Reduzierung der Anzahl und der Kontakthäufigkeit mit loseren Freunden oder Bekannten zurückzuführen. Stattdessen konzentrieren sich Menschen mit zunehmendem Lebensalter im Durchschnitt auf Familienbeziehungen und Beziehungen zu engen Freunden. Als Gründe werden z.B. diskutiert, dass Menschen mit zunehmendem Alter stärker positive Kontakte suchen und Konflikte vermeiden, weil sie in Anbetracht ihrer eigenen zunehmend begrenzten Lebenszeit positive Emotionen und Wohlbefinden als wichtiger erachten.

 

Denken Sie, dass die Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien      einen negativen Einfluss auf unsere sozialen Beziehungen ausübt? Welche Risiken und          Potentiale sehen Sie speziell für ältere Menschen?

Das lässt sich pauschal schwer sagen. Auf der einen Seite zeigen sich Veränderungen in allgemeinen Kommunikationsmustern wie z.B. kurze Nachrichten zu schicken statt längere direkte Gespräche zu führen. Es gibt Studien, die zeigen, dass diese Form des sozialen Kontakts als weniger befriedigend erlebt wird. Auf der anderen Seite ermöglichen Smartphones und Computer häufigeren, regelmäßigen Kontakt mit Familienmitgliedern auch über die Generationen oder räumliche Entfernung hinweg. Außerdem bieten die Technik und die Apps für Menschen jeden Alters Möglichkeiten, außerfamiliäre Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Eine kürzlich erschienene Studie mit älteren Menschen zeigte, dass sich kognitive Leistungen verbesserten, nachdem Personen anfingen eine Online-Social-Network-Plattform zu nutzen. Allerdings zeigten sich keine Veränderungen in der erlebten Einsamkeit. Das passt aus meiner Sicht zu den Studien mit jungen Erwachsenen, die zeigten, dass Online-Kontakt weniger befriedigend erlebt wird als persönlicher Kontakt.

 

Mit dem Alter schrumpft bekanntlich das soziale Netzwerk. Heißt das zwangsläufig, dass das Wohlbefinden darunter leidet?

Wie zuvor kurz erwähnt, scheint es gerade so zu sein, dass die mit dem Alter zunehmende Konzentration auf enge, positiv erlebte Beziehungen und Kontakte zum Ziel hat, das eigene Wohlbefinden zu erhöhen. Unterschiede im Wohlbefinden stehen aber zumeist nicht im Zusammenhang mit der Anzahl sozialer Beziehungen, sondern mit deren Qualität.

 

Ist Einsamkeit im Alter gefährlich? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Demenz?

Das Zusammenspiel von psychosozialen Faktoren, wie beispielsweise sozialer Aktivität, aber auch geistig anregenden Aktivitäten—die ja auch im Rahmen sozialer Kontakte passieren können—und kognitiven Veränderungen, wie beispielsweise demenziellen Erkrankungen ist komplex. So können kognitive Einbußen auch dazu führen, dass soziale Kontakte weniger aufrechterhalten werden. Meines Erachtens gibt es bislang zu wenige Längsschnittstudien, also Erhebungen über mehrere Monate und Jahre, die dieses komplexe Zusammenspiel ausreichend untersuchen.

A.K.: E-Mail
Letzte Änderung: 07.11.2018
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