Prof. Dr. Matthias Ebert

Prof. Dr. Matthias Ebert, Universitätsmedizin Mannheim

Interview vom 08. Mai 2018 zum 39. NAR-Seminar „Zwischen Biologie und Funktionalität – Individualisierte Therapiestrategien für ältere Patienten mit Tumorerkrankungen“

(durchgeführt von Clarissa Muhlack)

 

 

 

Professor Ebert, worum geht es bei der individualisierten Tumortherapie?

Individualisierte Tumortherapie bedeutet nichts anderes, als dass man eine Behandlung maßgeschneidert für den einzelnen Patienten entwickelt. Je nach Tumorerkrankung und Vortherapie des Patienten entscheidet man, welche Behandlung für den Patienten eingesetzt wird. In den vergangenen Jahrzehnten wurde dies in der Regel anhand der Wirksamkeit der verschiedenen Substanzen festgemacht. Aus den Studien, die man zur Überprüfung der Wirksamkeit von Medikamenten durchführt, kennen wir ja deren unterschiedliche Wirkungsweisen und Wirksamkeiten. Mittlerweile weiß man zudem sehr viel mehr über die Tumoren selbst, zum Beispiel über deren vielfältige molekulare Veränderungen. Daher kann man jetzt Therapien spezifischer für den einzelnen Tumor einsetzen.

 

Das heißt, individualisierte Tumortherapie bezieht sich vor allem auf die Auswahl des Medikaments?

Ja, genau. Im Wesentlichen geht es um die Auswahl der Medikamente. Wobei diese Wahl sehr stark vom molekularen Profil des Tumors abhängt.

 

Gibt es noch andere Möglichkeiten, einen Tumor individuell zu behandeln?

Das bezieht sich zunächst alles auf Medikamente. Natürlich kann man Tumoren auch bestrahlen, man kann Chemotherapie und Bestrahlung kombinieren, oder man kann operieren und anschließend eine Chemotherapie anwenden. Das geht dann in den Bereich der multimodalen Therapieverfahren. Das heißt verschiedene Therapieverfahren werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingesetzt, zum Teil werden sie kombiniert. Damit man eine sinnvolle Reihenfolge dieser Therapieverfahren auswählt, gibt es Tumorboards. Diese setzen sich aus Vertretern der verschiedenen Disziplinen zusammen und legen für jeden einzelnen Patienten sowohl die Medikamente als auch die Abfolge der verschiedenen Behandlungsmaßnahmen fest.

 

Bei der Tumortherapie findet ja eigentlich immer eine individuelle Behandlung statt, zum Beispiel bei der Dosierungsfrage. Inwiefern unterscheidet sich die individualisierte Therapiestrategie, die Sie verfolgen, von der herkömmlichen Therapie? Gibt es da noch spezielle Vorteile?

Das kann man so über alle Therapien hinweg nicht kategorisch beantworten. Die unterschiedlichen Therapieverfahren, seien es eher breitere oder gezieltere, haben beide ihre Vor- und Nachteile. Insofern gibt es keine generelle Ablehnung der herkömmlichen Therapie, sondern im Gegenteil, man kann diese Therapien durch neue, gezieltere Maßnahmen sogar weiter verbessern. Es ist durchaus sinnvoll, herkömmliche, althergebrachte Chemotherapeutika mit neuen Substanzen zu kombinieren. Da gibt es alle Möglichkeiten, die man sich vorstellen kann.

 

Bei Ihrem Vortrag geht es insbesondere um die älteren Patienten. Inwiefern unterscheidet sich die Therapie der älteren Tumorpatienten von der der jüngeren?

Ältere Patienten haben per se mehr Begleiterkrankungen. Neben ihrer Tumorerkrankung haben sie vielleicht noch eine Herz-, eine Stoffwechsel-, eine Lungen- oder eine Nierenerkrankung. All das muss man berücksichtigen, wenn man diese Patienten behandeln möchte. Nun ist es so, dass wir über viele Medikamente gewisse Informationen nicht haben. Die meisten Daten zu Arzneimitteln stammen aus Studien, bei denen ältere Patienten grundsätzlich ausgeschlossen wurden. Diese Studien richten den Fokus ganz klar auf die Bestimmung der Wirksamkeit des Medikaments, nicht auf die Erfassung potentieller Nebenwirkungen. Das heißt, für die älteren Patienten, und das sind nun mal die meisten Tumorpatienten, gibt es kaum Studien, in denen untersucht wird, welches Medikament in der Altersgruppe oder bei bestimmten Begleiterkrankungen eigentlich ausgewählt werden sollte. Deswegen beschäftigen wir uns intensiver mit der Frage, ob die bekannten Daten auf diese Patientengruppe übertragen werden können oder ob wir nicht vielleicht sogar eine eigene Studie brauchen, um diese Medikamente bei den älteren oder betagten Patienten zu überprüfen.

 

Was sind die größten Herausforderungen, bei der Therapie älterer Krebspatienten? Wenn Sie sagen, es gibt andere chronische Erkrankungen zu behandeln, dann kann es ja sein, dass Neben- und Wechselwirkungen eine Rolle spielen.

Sicherlich schränken Begleiterkrankungen meine therapeutischen Möglichkeiten ein. Ich kann z.B. kein Medikament einsetzen, das Nierenschäden als Nebenwirkung verursachen kann, wenn der Patient schon eine vorgeschädigte Niere hat – auch wenn das Arzneimittel vielleicht das wirksamste Medikament ist. Das heißt, ich muss eine Alternative finden, die vielleicht nicht so wirksam ist, aber die Niere schont. Das ist die eine Herausforderung. Zweite Herausforderung ist, dass die Prognose der Begleiterkrankung zum Teil stärker zum Tragen kommt, als die Tumorerkrankung an sich. Wenn jemand schwer herzkrank ist oder leberkrank oder vielleicht leber- und nierenkrank, dann kann die Prognose des Patienten aufgrund dieser Begleiterkrankungen sehr viel schlechter sein, als durch die Tumorerkrankung. Das heißt, es macht keinen Sinn, mit großer Energie und Kraft den Tumor zu behandeln, wenn eigentlich die anderen Erkrankungen sehr viel stärker im Vordergrund stehen. Der dritte Aspekt ist, dass ältere Menschen im Vergleich zu jüngeren andere Erwartungen an eine Tumortherapie und deren Wirksamkeit haben. Junge Patienten, die Kinder haben oder in der Phase der Familiengründung sind, stellen einen ganz anderen Anspruch daran, was die Therapie bringen soll, als der hochbetagte Patient, der 85 bis 88 Jahre alt ist und der sagt: „Wenn ich Krebs habe, da muss ich mich jetzt doch gar nicht behandeln lassen“.

 

Welches wäre die wichtigste Überlegung, die der Patient selbst anstellen sollte bei der Entscheidung für oder gegen eine individualisierte Tumortherapie? Gibt es da Unterschiede von der regulären Tumortherapie?

Das kann man so pauschal nicht beantworten, weil die Erwartungen der einzelnen Patienten unterschiedlich sind. Es gibt junge oder fitte ältere Patienten, die sehr viel mehr Therapie wünschen als ein gleichaltriger Patient, der schwerwiegende Begleiterkrankungen hat. Ich erlebe es so, dass da die Erwartungshaltungen und auch Therapiewünsche sehr unterschiedlich sind. Auch ändern Patienten unter der Behandlung oder im Verlauf der Erkrankung ihre Erwartungen oder Wünsche an die Therapie. Das ist sehr dynamisch.

 

Wie sähe Ihrer Meinung nach die optimale Versorgung bei der Behandlung älterer Patienten aus?

Optimale Behandlung ist das, was wir aktuell im Rahmen von Studien untersuchen. Und zwar testen wir die verschiedenen Körperfunktionen der Patienten auf verschiedenen Ebenen: Von den somatischen Erkrankungen, über psychische Belastungen, bis hin zur Erwartungshaltung der Patienten. Dann geben wir den Patienten Rückmeldung und sagen ihnen, welche Therapie, mit welchem Risiko aufgrund ihres Profils durchgeführt werden könnte. Wir erläutern auch, dass Therapien reduziert oder intensiviert werden können, dann aber mögliche Risiken mit sich bringen können, zum Beispiel, dass die Therapie dann die Erwartungen nicht erfüllt oder besondere Nebenwirkungen hat. Was wir wollen, ist wegzukommen von einem „one for all“ – alle kriegen das Gleiche, hin zu einem stratifizierten Vorgehen, bei dem wir je nach Beeinträchtigung oder Funktionalität des Patienten eine spezielle Therapieform auswählen und versuchen, diese Therapie an den Patienten anzupassen.

kutsubinas: E-Mail
Letzte Änderung: 28.05.2018
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