Interview des Monats

Riedel KlDr. Fanja Riedel-Wendt
Dipl.-Psych., Heidelberg

 

zum 49. NAR-Seminar
„Altern in verschiedenen Kulturen“

mit Maike Bulian

 

 

 

F I Was verstehen Sie unter kultursensibler Psychotherapie und warum ist sie besonders im Kontext von Migration wichtig?
Kultursensible Psychotherapie ist eine Grundkompetenz, die jede:r Therapeut:in besitzen sollte. Der Ansatz betont im Grunde, dass Menschen sehr unterschiedlich sozialisiert werden und diese Prägung einen starken Einfluss auf unser Erleben hat. Auch wenn es banal klingt, kommt dieser Aspekt oftmals in der klinischen Betrachtung von Patient:innen zu kurz. Das gleiche gilt für die Selbstwahrnehmung der Therapeut:innen. Kultursensibel zu arbeiten setzt voraus, dass ich mich als Therapeut:in eingehend mit meiner eigenen Sozialisierung beschäftige. Ich befürchte, dass wir in unserer alltäglichen Arbeit zu oft davon ausgehen, dass wir durch unsere Ausbildung geübt darin sind, die Perspektive unserer Patient:innen intuitiv einnehmen zu können. Studien zeigen aber, dass ein ähnlicher sozio-kultureller Hintergrund dazu führt, dass sich Patient:innen besser verstanden und sogar besser behandelt fühlen.

F I Warum ist das im Kontext von Migration wichtig?
Die Bedeutung kultursensiblen Arbeiten im Kontext von Migration würde ich in zwei Punkten zusammenfassen: Die Erfahrung der Migration ist mit spezifischen Herausforderungen und gegebenenfalls Belastungen verbunden. In der Ausbildung zum bzw. zur Psychologischen Psychotherapeut:in wurden diese spezifischen Herausforderungen kaum bis gar nicht thematisiert. Dies kann zu unterschiedlichen Schwierigkeiten in der Behandlung führen: Therapeut:innen können zum Beispiel die Perspektive ihrer Patient:innen nur eingeschränkt einnehmen. Dies führt automatisch zu weniger Empathie, was sich negativ auf die Beziehung zwischen Behandler:in und Patient:innen auswirkt. Darüber hinaus sind spezifische Aspekte des Akkulturationsprozesses für die Entstehung von psychischen Erkrankungen relevant. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sollten sich Therapeut:innen dringend mit diesen Zusammenhängen auseinandersetzen. Der zweite Punkt betrifft die Kommunikation innerhalb der therapeutischen Sitzungen. Sowohl verbale als auch nonverbale Aspekte der Kommunikation sind stark kulturell geprägt. Das Verständnis dieses Zusammenhangs erleichtert es mir, kommunikative Hürden im Alltag meiner Patient:innen zu verstehen und gleichzeitig achtsam mit möglichen kommunikativen Differenzen innerhalb der therapeutischen Sitzung umzugehen.

 

F I Welche spezifischen Herausforderungen und Ressourcen begegnen Ihnen häufiger bei Menschen mit Migrationshintergrund?
Hierfür sollte „Migrationshintergrund“ definiert werden, da dieser viele verschiedene Lebensrealitäten umfasst. Menschen, die selbst migriert sind, bringen andere Erfahrungen mit als solche, deren Eltern oder Großeltern migriert sind. Entsprechend vielfältig sind auch die Herausforderungen: Der Verlust vertrauter sozialer Strukturen, der Wechsel in ein neues Wertesystem, das Erlernen einer neuen Sprache, möglicherweise Diskriminierungserfahrungen oder Statusverluste gehören zu den häufigen Belastungen. Darüber hinaus ist es wichtig, die individuellen Umstände der Migration zu betrachten. Freiwillige Migration – etwa aus beruflichen oder persönlichen Gründen – ist meist mit einer bewussten Entscheidung verbunden, was in der Regel auf bestimmte innere Ressourcen wie Mut, Selbstvertrauen und Zielorientierung hinweist. Unfreiwillige Migration – etwa durch Krieg, Verfolgung oder Armut – geht oft mit Traumatisierungen einher und stellt eine noch größere psychische Belastung dar. Entscheidend ist, die Lebensrealität der jeweiligen Person differenziert zu betrachten. Zu den belastendsten Erfahrungen, die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland machen, zählen Rassismuserfahrungen. Diese Erlebnisse reichen von schweren, traumatisierenden Ereignissen bis zu alltäglichen Mikroagressionen. Befragungen zeigen, dass bis zu 60% der Betroffenen die Erfahrung machen, dass ihre Erlebnisse in der Psychotherapie nicht ernstgenommen werden.

 

F I Inwieweit beeinflussen Generationsunterschiede den therapeutischen Prozess, besonders im Kontext von Migration? Generationsunterschiede können im therapeutischen Prozess ähnlich wie kulturelle Unterschiede wirken. Therapeut:innen müssen sich auch in diesem Fall vor Augen führen, dass sie den Erfahrungshorizont ihres Gegenübers nicht teilen. Menschen unterschiedlicher Generationen bzw. unterschiedlicher Kohorten sind in anderen gesellschaftlichen, politischen und technischen Kontexten aufgewachsen. Als Therapeut:in sollte ich zum einen in der Lage sein, mich in unterschiedliche Entwicklungsstufen entsprechend des chronologischen Alters hineinversetzen zu können, und muss gleichzeitig verstehen, dass es einen Unterschied macht, ob man sein Abitur 2005 oder 2025 absolviert hat. Diese Sozialisationsbedingungen prägen Werte, Kommunikationsweisen und Erwartungen an Beziehungen. Für Therapeut:innen bedeutet das, sich auf andere Lebensrealitäten einzulassen, auch wenn sie sich innerhalb desselben Landes abgespielt haben. Besonders auffällig ist das bei jüngeren Patient:innen, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Wer selbst in einer „vor-digitalen“ Zeit sozialisiert wurde, versteht viele Aspekte dieser Lebenswelt nicht intuitiv. Umgekehrt können ältere Patient:innen Schwierigkeiten haben, sich einer jungen Therapeut:in zu öffnen – sei es aus Vorannahmen über deren Kompetenz oder aus der Befürchtung, nicht verstanden zu werden. Ein zentraler Punkt ist, dass Therapeut:innen sich nicht nur fragen, wie sie Patient:innen sehen, sondern auch, wie sie selbst gesehen werden. Alters- oder Erfahrungsunterschiede können Vorurteile und Unsicherheiten auf beiden Seiten auslösen. Ziel ist, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, die diese Unterschiede nicht leugnet, sondern reflektiert und einbezieht.

 

F I Inwiefern kann eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Prägung die therapeutische Beziehung und den Prozess beeinflussen?
Das ist eigentlich die Kernkompetenz von interkulturellem Arbeiten. In meinen Seminaren widme ich diesem Aspekt besonders viel Zeit. Therapeut:innen sollen wirklich verstehen, mit welchen Werten, Normvorstellungen, Stereotypen sie ihren Patient:innen begegnen. In der Psychotherapie wird das Verhalten der Patient:innen regelmäßig bewertet und eingeordnet. Therapeut:innen tragen die Verantwortung, einschätzen zu müssen, ob ein Verhalten schädlich oder nützlich ist. Das tun wir zum einen vor dem Hintergrund unserer klinischen Expertise, müssen uns aber auch bewusst sein, dass wir Verhalten automatisch vor dem Hintergrund internalisierter Wert- und Normvorstellungen bewerten.

 

F I Wie kann man eine kultursensible Psychotherapie finden?
Idealerweise sollte jede:r Therapeut:in kultursensibel arbeiten. In der Praxis kann man aber gezielt nach Therapeut:innen suchen, die Erfahrungen oder Spezialisierungen mitbringen – etwa im Bereich von Rassismus, Migration, Religion, LGBTQ+, Muttersprache oder bestimmter Lebensphasen wie Kinderwunsch oder Trauer. Die Recherche kann über Internetportale, Netzwerke oder durch direkte Anfrage bei Psychotherapeutenkammern erfolgen. Auch der Einsatz von Dolmetscher:innen ist eine Option, die oft aus praktischen Gründen gescheut wird, aber große Chancen birgt. Erfahrungen zeigen, dass eine solche Dreiecksbeziehung funktionieren und die therapeutische Arbeit bereichern kann. Es ist zwar organisatorisch aufwändiger, aber für viele Patient:innen eine zentrale Brücke, die den Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung ermöglicht. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung: Wenn ein:e Therapeut:in merkt, dass ein bestimmter Hintergrund oder eine Erfahrung für sie/ihn schwer zugänglich ist, sollte dies offen angesprochen und ggf. eine Weitervermittlung in Betracht gezogen werden. Kultursensibilität bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu erkennen und verantwortungsvoll damit umzugehen.


 
Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 24.11.2025
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