Interview des Monats
Prof. Dr. Frank Oswald
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Interview zum 50. NAR-Seminar
„Wohnen und Wohnumfeld im Alter“
von Janina Ewert
F I Herr Professor Oswald, Ihr Vortrag widmet sich dem Verhältnis von Alter(n) und Raum aus ökologischer Perspektive. Was bedeutet in diesem Kontext „Ökologische Alternsforschung“ – und worin unterscheidet sie sich von klassischen Ansätzen der Alternsforschung?
Der Blick auf das Verhältnis von Menschen und ihren sozial-räumlichen Umwelten im Alternsprozess kann aus verschiedenen disziplinären Perspektiven erfolgen, z. B. der Biologie, Psychologie, Soziologie, Humangeographie oder Medizin Pflegewissenschaft. Für ein umfassendes Verständnis und die Ableitung von Maßnahmen in Politik und Praxis ist es aber oft hilfreicher, die interdisziplinär ausgerichtete Perspektive einer Ökologischen Gerontologie einzunehmen. In meinem Votrag gehe ich auch auf historisch unterschiedliche Zugänge der Ökologischen Gerontologie ein, von der historisch eher zurückliegenden Betrachtung von Person-Umwelt-Interaktionen über Transaktionen bis hin zu moderneren Sichtweisen auf Ko-Konstruktionen von Person und Umwelt.
Im Rahmenmodell zum Person-Umwelt-Austausch im hohen Alter zum Beispiel werden zwei Prozessklassen unterschieden: Einerseits erlebensbezogene Prozesse der Bewertung, Bedeutungszuschreibung und Bindung bzw. Verbundenheit mit dem jeweiligen Umweltausschnitt (Belonging) und andererseits handlungsbezogene Prozesse der Aneignung, Nutzung, Auseinandersetzung und Veränderung von Umwelt und unmittelbar handlungssteuernde Einstellungen (Agency). Ferner wird angenommen, dass Umweltprozesse zu bestimmten Folgen der Entwicklung im Alternsverlauf führen. So kann Belonging vor allem zur Aufrechterhaltung von Identität beitragen. Die Frage „Wer bin ich?“ wird nicht zuletzt auch aus Antworten mit unmittelbarem Umweltbezug wie „Ich wohne noch in meinen eigenen vier Wänden“ beantwortet. Zum anderen kann Agency in entscheidender Weise die Autonomie beeinflussen. Schließlich wird angenommen, dass beide Umweltprozesse mitsamt den Folgen auf der Ebene von Identität und Autonomie auch Auswirkungen auf das subjektive Wohlbefinden haben.
Mit Blick auf die Praxis können Zugänge einer Ökologischen Gerontologie also hilfreich zur Beschreibung und Erklärung von Bedingungen und Prozessen des Austausches von Person und sozial-räumlicher Umwelt sein, z. B. in den Bereichen Wohnen, Mobilität, Nachbarschaftsgestaltung, Stadtplanung, Techniknutzung oder Mediatisierung. Darüber hinaus können sie zur Erklärung und Vorhersage von Folgen des Austausches wie Aufrechterhaltung von Selbständigkeit und Autonomie, Identität oder Teilhabe in Quartier oder Kommune herangezogen werden. Aber unabhängig vom konzeptuellen Verständnis sollte ökogerontologisches Denken und Forschen in politisches Handeln und Verantworten hineinwirken.
F I Der Begriff „Raum“ spielt im Seminar eine zentrale Rolle. Inwiefern prägt der Wohn- und Lebensraum das subjektive Erleben des Alters, auch über rein bauliche Aspekte hinaus?
Es ist mittlerweile keine neue Erkenntnis mehr, dass das Wohnen im Alter bunter wird, was die Vielfalt der Wohnformen betrifft, und technischer, was den Prozess der gesellschaftlichen Digitalisierung betrifft. Auf einen Punkt will ich aber eingehen, der das subjektive Erleben des Wohnens betrifft. Wir können heute empirisch gut belegen, dass auch emotionale Prozesse der Verbundenheit mit der Wohnung und dem Quartier sich auf Wohlbefinden und Gesundheit auswirken. Wir konnten beispielsweise für Frankfurt zeigen, dass gerade privatwohnende hochaltrige Personen mit schlechter Gesundheit sich auch dann noch wohlgefühlt haben, wenn sie sich mit ihrem Quartier verbunden fühlten. Die Verbundenheit federt quasi die schlechte Gesundheit in ihrer möglichen schlechten Wirkung auf das Wohlbefinden ab.
F I In Ihrer Arbeit betonen Sie, dass das Alter(n) zunehmend durch Übergänge geprägt ist: in den Ruhestand, in eine neue Wohnform, in Phasen der Verletzlichkeit. Welche Rolle spielen Räume in diesen Übergängen – und wie lässt sich ein solcher Wandel aktiv mitgestalten?
Die Gestaltung von Übergängen im Alter kann aus individueller und gesellschaftlicher Sicht betrachtet werden: Wie gestalten wir den Übergang in die nachberufliche Phase? Wie den Wechsel in eine neue Wohnung oder ins Pflegeheim? Wie gestalten wir den Übergang, wenn wir Großeltern werden? Wie gehen wir damit um, wenn der Partner oder die Partnerin stirbt? Das Wort „Übergang“ ist hier bewusst gewählt: Denn es geht nicht nur um Lebensereignisse und deren Bewältigung, sondern um Lebensphasen, die individuell sehr unterschiedlich erlebt und mitgestaltet werden können. Wir konnten beispielsweise gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Schweden zeigen, dass die erlebte positive Bindung an das Wohnumfeld sich kulturübergreifend unterstützend auf den Umgang mit sogenannten Übergängen im hohen Alter auswirken und dadurch das Wohlbefinden beeinflussen kann.
Aber es ist gar nicht so einfach, etwas Allgemeingültiges über das Altern zu sagen. Was macht Menschen im Alter zufrieden, was glücklich? Was bestimmt Wohlbefinden, was Lebensqualität im höheren Alter? Menschen antworten darauf mit sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen. Immerhin können wir aber Faktoren benennen oder Stellschrauben, von denen wir wissen, dass sie in vielen Fällen Einfluss auf die Gestaltungsbemühungen der Menschen haben. So können Menschen im hohen Alter den digitalen Wandel durchaus konstruktiv nutzen, vorausgesetzt, sie sind offen für Neues. Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen, Neugier und Interesse sind empirisch belegte wichtige Ressourcen, auch im höheren Alter. Die psychische Grundhaltung der Offenheit hilft auch, besser mit Krankheit, Verwitwung oder Verlust umzugehen. Die Kunst, auf andere Menschen zuzugehen, kann zum Beispiel helfen, Einsamkeit zu vermeiden.
Dabei können sich Menschen prinzipiell auch immer ändern, aber wer ein Leben lang zurückgezogen gelebt hat, wird dies im Alter eher schwer ändern können oder wollen. Das ist auch nicht schlimm. Denn es liegt nie nur an der Person allein, ob sie Veränderungen zulässt, auch das soziale und räumliche Umfeld spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Nachbarschaft, der Stadtteil, das Quartier, kreative und kommunikative Angebote unterschiedlichster Institutionen können helfen, einen älteren Menschen aus der Gefahr der Vereinsamung herauszuholen.
Wir wissen heute so viel wie nie zuvor darüber, dass und wie man sich bewegen sollte, um lange fit zu bleiben. Wir wissen, was wir essen sollten und was nicht, um gesund zu bleiben. Wir wissen Bescheid über ärztliche Vorsorgeuntersuchungen. Aber Vorsicht: Niemand sollte müssen! Wir dürfen nicht in einen Gesundheits-Aktivismus oder Leistungsdruck verfallen und neue gesellschaftliche Verhaltensnormen fürs Alter aufstellen.
Rechtzeitige und vor allem „lustvolle“ Planung im Austausch mit anderen und mit der Umwelt ist gut und sinnvoll, aber ich würde dies nicht einfordern wollen, denn auch der Umgang mit dem Unplanbaren gehört zur Kunst des Alterns. Und sich ständig mit dem Altern zu beschäftigen, ist wiederum auch nicht gut. Wenn mir zum Beispiel Namen oder Begriffe nicht gleich einfallen, dann heißt das noch lange nicht, dass ich jetzt auf dem Weg in die Demenz bin. Solche Befürchtungen können sich sogar negativ auswirken. Daher mein Appell: Sich nicht zu viele Sorgen machen und nicht zu viel Angst vor dem Alter haben – bei allen Herausforderungen und Verlusterfahrungen, die nicht ausbleiben werden.
F I Sie sprechen häufig vom „Dritten“ und „Vierten“ Alter. Welche raumbezogenen Bedürfnisse unterscheiden sich in diesen Lebensphasen – etwa im Hinblick auf Selbstständigkeit, Teilhabe oder Versorgungssicherheit?
Ja, es gibt Phaseneinteilungen, wie die des sogenannten „Dritten“ (ca. 65-80/85 Jahre) und „Vierten“ Alters (> 80/85 Jahre), aber diese ändern sich. Nehmen Sie etwa die 65- bis 70-Jährigen. Wenn Alternsforscher sich vor vierzig Jahren mit Aspekten wie Wohnen oder Lebensgestaltung im Alter beschäftigt haben, dann haben sie Personen dieser Altersgruppe befragt. In diesem Alter haben aber heute Menschen oft noch zwei Dekaden Lebenszeit vor sich und vielfach gar keine Zeit mehr für die Teilnahme an Forschungsprojekten, weil sie viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt sind. Einen qualitativen Sprung gibt es ungefähr ab 80/85 Jahren, wenn die Gesundheit zunehmend instabiler wird, vertraute Menschen sterben und der Alltag insgesamt beschwerlicher wird. Es hat also mit mehr als nur mit dem Wohnen zu tun. Im Dritten Alter haben viele Menschen genug Ressourcen, um kleinere gesundheitliche Einbußen zu kompensieren. Sie suchen nach neuen Aufgaben und wollen ihr Leben lebendig gestalten und mit Freude und Optimismus ausfüllen.
F I Gerade im sehr hohen Alter wird der Verbleib in der gewohnten Umgebung oft als besonders wichtig erlebt. Wie kann die Gestaltung von Quartieren, Nachbarschaften oder Wohnraum dazu beitragen, dass Menschen länger selbstbestimmt bleiben – auch bei gesundheitlichen Einschränkungen?
Mit Blick auf das sogenannte Vierte Alter, oder sagen wir im sehr hohen Alter sind zum Beispiel für alleinlebende ältere Menschen vertraute Personen und Umwelten wichtig. Menschen aus der Familie, Freunde oder langjährige Nachbarn, mit denen wir uns austauschen können. Diese vertrauten Personen müssen nicht unbedingt in der Nähe wohnen; Vertrautheit geht auch auf Distanz. Es geht darum, Sorgen und Nöte teilen zu können. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Frage nach den räumlichen Lebensbedingungen: Ist die Versorgung in der Nähe gewährleistet? Kann ich wichtige Dienstleistungen fußläufig erreichen? Habe ich meine vertraute Umgebung um mich? Ist für Barrierefreiheit gesorgt? Dabei geht es um die Erhaltung der eigenen Mobilität und Lebendigkeit. Komme ich – ein eher neues Forschungsthema – auch in Hitzesommern in meinem Wohn- und Lebensumfeld gut zurecht?
Aspekte wie fußläufige Erreichbarkeit und Mobilitätssicherung, also zum Beispiel ein barrierefreier öffentlicher Nahverkehr, aber auch Versorgungssicherheit durch kleine Läden oder Bringdienste sind gute Beispiele für das, was auf politischer und wissenschaftlicher Ebene heute häufig und vielerorts unter der Überschrift „Altersfreundliche Städte und Kommunen“ (Age-Friendly Cities and Communities) erforscht und eingefordert wird. Zahlreiche Häuser im urbanen Bestand sind zudem anpassungsbedürftig, denkt man beispielsweise an fehlende Aufzüge für viele Häuser mit vier und mehr Stockwerken. Es geht also darum, altersgerechte, barrierefreie und stadtzentrumsnahe Angebote zu schaffen.
Mit Blick auf den Klimawandel sollten im urbanen öffentlichen Raum verstärkt beschattete und bewässerte Plätze geschaffen und der fußläufige Zugang zu ihnen gewährleistet werden. So können Kommunen in heißen Sommern den andernfalls drohenden vermehrten Risiken für hochbetagte Alleinlebende begegnen und die plötzlich steigenden Todeszahlen unter Senioren vermeiden. Frankfurt hat sich zum Beispiel zum Ziel gesetzt, dass jeder Bewohner nicht länger als zehn Minuten Gehzeit zur nächsten Grünfläche hat.
F I Man spricht immer häufiger über neue Wohnformen im Alter. Welche Potenziale und Herausforderungen sehen Sie in gemeinschaftlichen Wohnprojekten – etwa in Bezug auf soziale Teilhabe, Pflege oder Klimaanpassung?
Was die Häufigkeit betrifft, sind es ja immer noch kleine Anteile der über 60-Jährigen, die sich für gemeinschaftliches Wohnen entscheiden. Aber darüber hinaus ist interessant, was die Diskussion um gemeinschaftliches Wohnen bewirkt, gesellschaftlich anregt und in den Köpfen von Menschen unterschiedlichen Alters verändert. Bedeutend ist gemeinschaftliches Wohnen vielleicht auch, weil es eigentlich um größere Fragen geht: Wie will ich im Alter leben? Welche Wohnform passt zu meinem – oder als Paar zu unserem – Lebensstil und, nicht zu vergessen, wie will ich, wie wollen wir die Zukunft mitgestalten?
Auch hier will ich einen Punkt herausgreifen: Die eigene Zukunft beinhaltet das Planen des eigenen Wohnens womöglich bis zum Lebensende. Die Zukunft der Gesellschaft beinhaltet aber auch Fragen der Generativität, der Hinterlassenschaft auf unserem Planeten. Damit sind nicht notwendigerweise nur eigene Kinder und Enkel gemeint, sondern Aspekte wie der ökologische Fußabdruck; Motive, die auch im höheren Alter an Bedeutung gewinnen. Womöglich ist dies auch ein Grund dafür, warum Fragen nach ökologisch nachhaltiger Bauweise auch bei Projekten gemeinschaftlichen Wohnens neben anderen Motiven an Bedeutung gewinnen. Eine Studie der Psychologin Helena Müller, die Personen vom Auszug bis zum Einzug und danach begleitet hat, zeigt zudem, dass aus psychologischer und ökogerontologischer Sicht lebenslange (Wohn-)Erfahrungen maßgeblich zu aktuellen Wohnentscheidungen zum gemeinschaftlichen Wohnen beitragen (Müller et al., 2018). Gutes Ankommen in der neuen Wohnform (und langfristige Zufriedenheit am neuen Ort) sind dabei auch abhängig davon, ob im Rahmen des Auszugs aus der vorherigen Wohnung Abstand gewonnen und Abschied genommen werden kann (ebd.).
Auf Wohnformen mit Unterstützungsbedarf – vom Betreuten Wohnen bis zum Heim – gehe ich an dieser Stelle nicht ausführlich ein. Nur so viel: Zum einen leisten Heimträger in Zeiten schwer darstellbarer Versorgung sehr viel gute Arbeit für häufig sehr stark belastete Bewohnerinnen und Bewohner, auch wenn es leider nicht immer eine Einrichtung im eigenen Stadtteil gibt, was sich viele ältere Menschen wünschen. Aber auch Wohn- und Versorgungsformen für auf Pflege angewiesene Personen, insbesondere für Menschen mit Demenz, werden vielfältiger. Das zeigen beispielsweise Angebote von ambulant betreuten Wohngemeinschaften. Auch wenn diese derzeit noch keine Konkurrenz zu klassischen Heimen sind, ist die Idee interessant, eine ambulante Wohnoption für Menschen mit hohem Hilfe- und Pflegebedarf anzubieten.
Der Blick nach vorn zeigt uns aber auch, dass jede Generation – aktuell die „Babyboomer“ – ganz eigene und vielfältige Ansprüche an das Wohnen und Leben im Alter hat, zum Beispiel hinsichtlich ökologischer Lebensführung oder Digitalisierung. Eine wichtige Frage für die Zukunft wird sein, ob und wie uns soziale und ökologische Gerechtigkeit gemeinsam und im Austausch mit den „Generationen X“, den „Millennials“ und der „Generation Z“ gelingt.
Auch wenn grundsätzlich davon auszugehen ist, dass sich die Tendenz des langen Wohnens am selben Ort auch bei nachrückenden mobileren Generationen vermutlich nicht völlig ändern wird, werden wir zukünftig eine buntere Mischung von Wohnformen haben: von der kleinen betreuten Wohngruppe für Menschen mit Demenz bis hin zum privaten Wohnen und dem Leben im Heim. Das Ziel wäre, dass diese Wohnformen durchlässiger werden als bisher. Viel Bewegung wird es in den gemeinschaftlichen Wohnprojekten geben, auch weil Jahrgänge in das hohe Alter hineinwachsen, die eine entsprechende Wohnerfahrung aus der eigenen Biografie mitbringen. Mit Blick auf die dauerhafte Planung wissen wir aber noch nicht genug, wie solche Wohnformen in die Kommune hineinwirken und wie diese wieder zurückwirkt.
Quelle: Müller, H., Wanka, A. & Oswald, F. (2018). Wohnen und Wohnveränderungen im Lebenslauf. In F. Kolland, R. Rohner, S. Hopf & V. Gallistl (Eds.), Wohnmonitor Altern 2018 (S. 51–62). Studien Verlag.