Dr. Oliver Schultz

Dr. Oliver Schultz, Bildender Künstler und Germanist, Wiesbaden

Interview vom 25. Januar 2019 zum 41. NAR-Seminar „Kunst und Demenz“

(durchgeführt von Julia Kirch)

Seit wann bieten Sie Malkurse für Menschen mit Demenz an und wie kam es dazu?

Ich habe Bildende Kunst und Kunsterziehung studiert und habe mein Referendariat für das Lehramt an Gymnasien abgeschlossen. Mit der Zeit merkte ich aber, dass ich, anstatt im Schuldienst tätig zu werden, lieber mit alten Menschen arbeiten wollte. Meinen Zivildienst – damals dauerte er 20 Monate – habe ich in einem Altenpflegeheim gemacht und dort merkte ich, dass ich sehr gerne mit alten Menschen arbeite. An die Erinnerung habe ich angeknüpft und angefangen, eine Malgruppe in einem Altersheim anzubieten. Das ist jetzt bald 18 Jahre her und hat dann doch umfassende Ausmaße angenommen. Es war einfach eine sehr schöne Idee, die um sich gegriffen hat, und es wurde dann immer mehr und ist bis heute sehr inspirierend für mich – eine richtig schöne Arbeit.

 

Bieten Sie Ihre Kurse ehrenamtlich an?

Nein, ich habe es damals schon aus der Intention heraus gemacht, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen. Es hat eine Weile gedauert, bis es ausreichend Angebote gab, die ich machen konnte. Aber nun sichert die Arbeit meinen Lebensunterhalt. Ich bin freiberuflich tätig und biete Kunstgruppen für Menschen mit Demenz an.

 

Was waren Ihre ersten Erfahrungen? Hatten Sie damals schon einen Plan, wie Sie damit anfangen? Mussten Sie Dinge adaptieren und was hat sich bei der Durchführung der Kurse bewährt?

Es hat sich gezeigt, dass man die Menschen erst einmal kennenlernen muss. Man hat es immer mit individuellen Persönlichkeiten zu tun und muss in diese Begegnung hineingehen. Das ist auch das Schöne daran: die Menschen kennenzulernen, mit der Zeit zu wissen, wo besondere Interessen liegen, welche Fähigkeiten jeder hat. Damit meine ich nicht künstlerische Fähigkeiten, sondern Charakteristika, Persönlichkeitsmerkmale, die man mit der Zeit entdeckt. Und da kann man gut anknüpfen. Und weil ja die Menschen wiederum aufgrund ihrer Demenz sich oft nicht an einen erinnern, heißt das: Woche für Woche wieder auf jemanden zuzugehen, ein bisschen anzuknüpfen, zu schauen, was wir heute entdecken. Dieses Malen auf einem leeren Blatt ist immer ein Neuanfang. Das hat sich mit der Zeit bei mir bestärkt, dass es gerade nicht so sehr ein großes ausgeprägtes Konzept braucht, sondern eine Offenheit in der Situation im Hier und Jetzt, mit den Leuten. Hinzu kommen natürlich die Kenntnisse von diesen Persönlichkeiten, kleinen Eigenheiten, Vorlieben und Abneigungen, um einfach einen guten Raum anzubieten, in dem sie sich ausdrücken und entfalten können.

 

Wenn ich es richtig verstehe, dann sehen Sie die künstlerische Aktivität als Vermittler zwischen dem Inneren der Person und der Außenwelt?

Ja, als ein Medium. Das ist überhaupt ein Aspekt künstlerischen Arbeitens, dass man durch diese Tätigkeit – wie ein Medium – etwas zum Ausdruck bringt. Das sind eigentlich zwei Dinge: Das eine ist die Persönlichkeit des Künstlers oder der Künstlerin und das andere ist immer der eigene Wille des Werkes, des Bildes. Es ist nicht so, dass man etwas malt, was man sich vorher vorgenommen hat. Das tut man natürlich, aber das Malen führt immer ein bisschen woanders hin, mehr oder weniger. Das ist spannend, das ist der spannende Prozess. Man fängt irgendwie bei einer Idee an, bei einem Impuls. Und gerade Menschen mit Demenz sind oft sehr beweglich, sehr offen für Impulse. Und da mag irgendeine Farbe dazu kommen, man hört etwas auf dem Flur, jemand anderes sagt etwas, man wird abgelenkt, umgelenkt, woanders hingelenkt. Das findet dann oft seinen Weg ins Bild.

Der Prozess des künstlerischen Schaffens ist einerseits sehr zerbrechlich, aber eben auch sehr empfänglich für solche Anregungen. Das bedeutet, es gibt eine Person, die anfängt etwas zu malen – mit ihren Absichten, mit ihren Vorstellungen und Vorlieben – und dann kommt aber das Bild. Und das funkt dann dazwischen. Das empfinde ich als eine große Chance im Ausdrucksprozess, weil man nicht bei sich stehen bleibt, sondern eigentlich sich selber ein Stück neu erlebt.

 

Wie bringen Sie Menschen dazu, den Stift oder den Pinsel in die Hand zu nehmen?

Das ist tatsächlich immer wieder sehr spannend. Nach all den Jahren noch bin ich immer wieder angespannt, ob es gelingt, wobei ich sagen muss, dass ich gelernt habe, man kann es auch einfach mal lassen. Es muss gar nicht immer dazu kommen. Aber in gewissem Sinne hat man auch immer den Wunsch, dass es zu einer Aktivität kommt. Ich sage aber ganz bewusst, es muss nicht sein. Dennoch empfinde ich diesen Wunsch. Und nehmen wir mal an, da kommt jemand und ist gerade sehr müde oder niedergeschlagen oder durch irgendeine Situation belastet: Es gab einen Konflikt mit einer Mitbewohnerin oder mit Pflegenden. Es gibt so viele Facetten. Ich arbeite mit Menschen, die in Altenheimen leben, in diesem Kontext, überall gibt es natürlich Einfluss auf die Tagessituation, auf das Tagesempfinden und ich kann dann sagen, dass sich jemand gar nicht danach fühlt zu malen. Ich kenne aber diese Person und bin mir sicher, dass es ihr guttun wird, weil Kunst einen auch von einer Belastung befreien kann. Erst einmal muss ich Vertrauen gewinnen in mich als Person, dazu gehört aber auch die Bereitschaft zu sagen: „Okay, wenn Sie heute nicht malen möchten…“. Das muss nicht unbedingt ausgesprochen werden, sondern ist eine innere Haltung. Ich würde niemals jemanden beharrlich dazu drängen, den Pinsel zu nehmen. Aber ganz oft biete ich dann den Leuten an, dass ich für sie etwas male und sie gucken einfach zu. Und das machen eigentlich alle gerne. Und dann zeige ich sehr geduldig, sehr langsam, wie der Pinsel über die Farbpalette geht, wie die Farben angerührt werden, wie die Farben durch das Wasser leuchtender werden. Das sind dann die Wege der Wahrnehmung. Man konzentriert sich ein paar Minuten nur auf den Umgang mit Pinsel und Farbe. Dann landet die erste Pinselspur auf dem Papier, das vor einem liegt, und das schaut man sich dann an. Das bedeutet auch ein Stück weit Konzentration und Kontemplation, Wahrnehmungsermöglichung. Und dann passiert doch oft, dass dieser Vorgang, nämlich dass man Farbe auf Blatt bringt, einem als leicht vorkommt, das ist ganz leicht, ganz einfach. Und nimmt ein bisschen die Bangigkeit: „Wie ist es überhaupt? Kann ich das überhaupt?“ Und wenn ich dann manchmal frage: „Darf ich Ihnen jetzt den Pinsel geben?“, dann wird er eigentlich sehr oft angenommen. Und mit den ersten eigenen Strichen ist oft der Bann gebrochen. Und man ist dann sozusagen im Bild und man fängt an, den Spuren, die man dort verteilt, selber ein Stück weit zu folgen. Das ist tatsächlich sehr oft der Fall. Manchmal kommt es dann immer noch zu Momenten: „Nee, das ist nix! Ich mag das nicht!“ Da habe ich allerdings oft die Erfahrung gemacht abzuwarten, auch mal Ruhe zu geben.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass tatsächlich jeder Mensch das Malen für sich gebrauchen kann, auch ohne Vorwissen, ohne große Absichten. Wenn man genug Zeit und Geduld damit verbindet, Geduld auch weg von diesem Leistungsanspruch, weg davon, dass es jetzt ein besonderes Bild werden soll. Das wird dann meistens von selbst, wenn diese Ansprüche beseitigt werden. Dazu braucht es aber eine Ermutigung von draußen. Ich bin da schon sehr aktiv, mit dem Ermutigen.

 

Es hört sich an, als ob es weniger darum geht, sich gegenständlich-künstlerisch auszudrücken, als vielmehr mit dem Medium der Malerei selbst zu arbeiten?

Ja, das ist ganz wichtig! Allerdings muss ich auch sagen, ich bringe schon auch immer gegenständliche Bilder mit zum Anschauen, als Impulse. Ich kenne manche Menschen, die brauchen das gar nicht, die können damit nichts anfangen. Die sehen den Pinsel, den Stift und legen damit einfach los. Andere fangen an und versuchen z. B. das Bild von einem Baum, einem Tier oder Haus nachzuzeichnen, kommen aber dabei, das habe ich ganz am Anfang gesagt, ziemlich bald weg von diesem reinen Abbilden. Es entsteht immer eine Eigendynamik dessen, was man selber auf dem Blatt sichtbar macht. Das ist die eigene, unvergleichbare Handschrift. Die Linien sind vielleicht etwas zittrig, vielleicht etwas grob, vielleicht etwas starr, es weicht eigentlich sofort ab von dem Vorbild. Das ist im Grunde gar nicht anders machbar und das wiederum führt dazu, dass man mehr der eigenen Zeichnung folgt als dem, was man da abzeichnet. Es entstehen manchmal ganz andere Wege. Man fängt an, ein Haus zu zeichnen und landet bei einem abstrakten Bild oder bei einem Tier oder alles wird plötzlich auf den Kopf gestellt. Es kann durch die Demenz, glaube ich, durchaus dieses, ich sage jetzt mal vorsichtig, funktionierende Urteilsvermögen weniger stark ausgeprägt sein. Es ist gar nicht so leicht, darüber zu sprechen, ohne immer in diese defizitären Ausdrücke zu gelangen. Aber ich finde, dass es eine große Herausforderung ist, anzuerkennen, dass dort ein kreativer Prozess stattfindet, der sich eben nicht an irgendwelchen gängigen funktionalen Kriterien misst. Da ist eine eigene Ausdruckskraft, schöpferische Kraft zugange und die sollte nicht sich messen lassen an dem, was man glaubt, was konventionelle Leistungskriterien sind. Das ist – sei es im Alltag oder in der Kunst. Das ist ohnehin auch immer die Aufgabe der Kunst. Da ich auch bildender Künstler bin, glaube ich sagen zu können, Kunst hat immer versucht, die eigenen Grenzen in Frage zu stellen und gerade das Gegenteil zu machen. Etwas anderes als das Übliche. Das ist die Antriebskraft der Kunst, nie einfach definierbar zu bleiben, sondern immer über das Definierbare hinaus zu streben. Zu sagen: „Dann mache ich gerade das Gegenteil oder doch etwas anderes, als man von mir erwartet“. Insofern ist das Zusammenspiel von Kunst und Demenz von großer Offenheit, die Dinge, wie ich sie sehe und ausdrücke, anzunehmen, ohne viel darüber zu wissen.

 

Es scheint mir viel weniger zielgerichtet zu sein, sondern mehr auf den Moment und das Erleben ausgerichtet. Das klingt sehr schön, sehr schöpferisch.

Ja, ist es dann auch! Ich bin auch immer voller Spannung, schaue gerne zu, was heute entstehen wird.

 

Im Internet sind einige Bilder, die von Ihren Kursteilnehmern gemalt wurden, zum Beispiel das Bild mit sehr viel Blau und den zarten Blumen, die mit zittrigen Linien gezeichnet sind.

Ja, dieses Bild fängt an der Blattkante an. Ich habe immer gedacht, die Blattkante ist der Boden, aus dem die Blumen dann tatsächlich herauskommen und dann sichtbar werden. Die Schwelle von der Realität in die Imagination. Eine ganz elementare Auffassung von Bildgrund steht dahinter. Auf dem Bildgrund wird ein Bild sichtbar, so wie aus dem Erdboden irgendwann die Frühlingsblumen kommen. Und da ist natürlich auch der Kontrast von diesen sehr zarten und zerbrechlichen Blumen und diesen alten Händen, die so viele Lebensspuren aufweisen. Immer noch lebendig und immer noch blüht etwas. Das ist einfach eine schöne Erfahrung.

 

Gibt es denn – von den Teilnehmern ausgehend – Themen, die sich wiederholen?

Ja, wobei die Themen sehr individuell sind. Es kann z. B. das Thema Haus sein. Das Zuhause spielt, denke ich, eine große Rolle. Es kommt vor, dass es Menschen gibt, die immer wieder Häuser zeichnen. Ich hatte mal in einer Gruppe eine Dame, die erinnert sich jedes Mal, wenn sie in der Malgruppe sitzt, an ihre Heimat. Sie ist vertrieben worden. Das liegt natürlich sehr lange zurück. Es sind schmerzhafte Erinnerungen an Verlust. Sie erzählt immer von ihrem Zuhause und sie zeichnet dann gerne ein Haus. Ich denke, dadurch bleibt sie nochmal auf andere Art und Weise im Kontakt mit ihren Erinnerungen. Sie sagt dann oft denselben, schönen Satz: „Komisch, immer, wenn ich hier male, bin ich zu Hause.“ Ich denke, ihr Zuhause bleibt durch das Malen wach und wird wieder sichtbar gemacht.

Andere wiederum arbeiten abstrakt. Da kann man nicht sagen, dass es da ein bestimmtes Thema gibt. Das ist mehr eine Art und Weise, den Pinsel zu führen, die Farbe anzuwenden. Das finde ich ohnehin etwas ganz Erstaunliches, wenn man da mehrere Bilder einer Person anschaut, die darüber auch gar nichts aussagen könnte, wo die Sprache eigentlich schon sehr eingeschränkt ist, aber durch die Art und Weise der Handhabung von Farben und Stift kommt eine persönliche Handschrift zum Ausdruck. Ohne dass das jemals geübt wurde! Da sind Ausdrucksmöglichkeiten, die zeigen, hier sind ganz individuelle Persönlichkeiten am Werk. Schon an einem schwerfälligen, einfachen Strich lässt sich erkennen, von wem dieses Bild ist, wenn ich schon mehrere davon gesehen habe. Das zeigt einfach, dass jeder Mensch über einen ganz eigenen Stil verfügt.

 

Ja, wie die Handschrift auch…

Ja, genau. Das ist verbunden mit dem einzelnen Menschen. Und ich denke, dass es wichtig ist, jedem einzelnen Menschen seine Ausdrucksmöglichkeiten zu geben. Dass man sich auf seine eigene Art ausdrücken kann.

 

In welcher Verfassung erscheinen Ihnen die Menschen hinterher?

Meistens glücklicher, zufriedener, entspannter. Dennoch ist mir über die Jahre auch klar geworden, dass es so etwas wie Recht auf die eigene Trauer und Verletztheit gibt. Das kann in Bildern auch Thema werden. Und ich glaube, das ist unumgänglich. Jedoch, wenn wir die Möglichkeit erhalten, diese traurigen Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen, dann ist es schon etwas anderes, als sie stumm mit sich herumzutragen und keinen Raum dafür zu haben.

Das ist zum Teil recht anstrengend.

Ich komme ja in die Häuser und lade die Teilnehmenden ein, mit zur Malgruppe zu kommen. Da kriege ich dann auch erzählt, was los ist, oder ich kriege es zu spüren, wenn man es nicht erzählen kann. Man trifft doch auf viel Einsamkeit. Das zeigt sich in vielen Facetten: Die einen sind traurig und abwesend, die anderen sind vielleicht eher offensiv und aggressiv. Das muss gar nicht immer so sein, aber es gehört schon auch sehr dazu. Und auch solche Dinge kann man im Bild sehen, in der Art und Weise, wie man malt, in der Art und Weise der Themen, die man sich sucht. Aber wie gesagt, ich glaube, sobald man einen Weg findet, diese Dinge auszudrücken und sichtbar zu machen, heißt das auch immer, etwas Wichtiges zu thematisieren. Wenn man malt, ist man im Kontakt nicht nur mit sich, sondern auch mit anderen. Und das hat schon, ich werde jetzt ein großes Wort verwenden, etwas Heilsames. Das ist, glaube ich, auch vorstellbar: Wenn wir uns überlegen, dass wir jetzt unseren Kummer mit uns herum schleppen oder aber die Möglichkeit haben, ihn an jemanden weiterzugeben, und er gut aufgenommen wird. Und man hört zu und man schaut zu. Dann ist man nicht mehr ganz so verlassen. Es hat sich nichts geändert an der schwierigen Lebenssituation, aber in dem Moment ist man damit nicht alleine. Das ist, glaube ich, eine wichtige Sache.

Gab es Momente, die Sie besonders berührt hatten? Themen, die wir noch nicht angesprochen haben?

Es gibt eigentlich täglich welche, denn das ist schon eine intensive Beziehungsarbeit, die da stattfindet. Diese Art von Arbeit unterscheidet sich vom pflegerischen Tun einfach dadurch, dass man bei solchen Begegnungen da ist, um Zeit und Raum zu geben. Wenn man diese Möglichkeit hat, sich Zeit zu nehmen, dann spürt man doch viel bei den Menschen.

Ich erinnere mich an eine Frau, die viele Jahre in der Malgruppe war. Als ich sie kennen gelernt habe, zog sie gerade ins Altersheim ein, war schon ziemlich von Demenz beeinträchtigt. Sie hatte Schwierigkeiten zu akzeptieren und zu verstehen, dass sie in einer neuen Umgebung ist. Sie ist oft im Flur weinend auf und ab gegangen. Mit der Zeit hat sich das etwas verändert, mit der Zeit hat sie sich dann eingelebt.

Ihr Sprechen ist ihr mit den Jahren immer mehr abhandengekommen. In den letzten zwei-drei Jahren konnte sie eigentlich nur noch Laute von sich geben. Sie hat aber dennoch immer gemalt. Sie hat immer wieder den Pinsel genommen und Striche aufs Blatt gebracht. Oft im Rhythmus ihres Sprechens und das Malen hat wiederum den Rhythmus des Sprechens verändert. Man hat gespürt, dass dieses Auftragen von Farbstrichen etwas war wie eine Handlung, die sie verankert hat. Dieses Sprechen, diese Laute, die sie von sich gegeben hat, waren ziellos in den Raum gerichtet, und ich habe dann den Eindruck gehabt, dass sie durch das Malen eine Möglichkeit des Ausdrucks, einen Ort gefunden hat. Ich würde sagen: eine Bleibe. Der Tonfall hat sich verändert und ich erinnere mich, dass sie einen sehr lebendigen, freundlichen Blick in dieser Zeit des Malens hatte. Ich habe das sehr bewundert, diese große, große Freundlichkeit in den Blicken dieser Frau, die doch unter so schweren Umständen lebte.

Wissen Sie, wie oft es diese Art der tiefen Auseinandersetzung mit der künstlerischen Arbeit von Menschen mit Demenz gibt?
Ich habe über diese Arbeit promoviert. Ich hatte die Möglichkeit, an einem interdisziplinären Promotionskolleg in Wien eine kunsttheoretische und sozialwissenschaftliche Arbeit über die künstlerische Praxis von Menschen mit Demenz zu verfassen. Ich meine, dass es die erste Arbeit über Kunst und Demenz dieser Art ist. Aber diese anderen Zugangsweisen der Kunst werden natürlich schon viel thematisiert. Man versucht, von einer rein medizinischen Betrachtung der Demenz wegzukommen, hin zu anderen Perspektiven. Zum Beispiel, welche Rolle spielen Raumgestaltung oder Musik für Menschen mit Demenz? Dieser Fokus auf andere Herangehensweisen und Verstehensweisen, der hat in den letzten Jahren mehr zugenommen. Die künstlerische Perspektive versucht immer, andere Perspektiven einzunehmen und deutlich zu machen, dass das Menschen sind, die sich mit ihrer Demenz auf ihre Art und Weise zum Ausdruck bringen können. Da findet in Bildern oftmals mehr statt, als man glaubt. Das Schöne an der Arbeit ist, dass es ein sichtbares Ergebnis gibt nicht nur für die Leute, die malen, sondern auch für Mitarbeitende, für Angehörige, für jeden, der kommt. Dann heißt es oft voller Staunen: „Das hat Frau XY gemacht, das hätte ich ja nicht gedacht!“

Ich denke, dass das öffentliche Bild der Demenz doch stark defizitär und mit Angst besetzt ist. Es ist eine wichtige Sache, dem etwas dagegen zu setzen. Wenn ich Ausstellungen von Bildern von Menschen mit Demenz mache, dann begegnet man einer ganz anderen, einer ausdrucksvollen und lebensfrohen Weise, mit Demenz zu leben.

Haben Sie herzlichen Dank für das Interview!

A.K.: E-Mail
Letzte Änderung: 19.02.2019
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