Prof. Dr. James W. Vaupel

Zur Person

Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, Rostock

Vaupel, Fotos von Michael Doh, NAR

Interview vom 18. Juli 2007 mit Dr. Birgit Teichmann

 

Herr Vaupel, Sie sind für Ihre Äußerungen bezüglich der Lebenserwartung bekannt. Gibt es Grenzen? Glauben Sie, dass die Lebenserwartung auf über 120 Jahre steigen kann, wenn Sie berücksichtigen, dass sich die Telomere bei jeder Zellteilung verkürzen?

Momentan ist keine Ende in Sicht. Die durschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren. Wenn wir davon ausgehen, dass die Lebenserwartung wie in den letzten 160 Jahren pro Dekade um 2,5 Jahre steigt, im Jahre 1840 lag sie in Schweden bei 45 Jahren, heute liegt sie in einigen Nationen bereits bei 85 Jahren, würden wir erwarten, dass die Lebenserwartung in 80 Jahren auf 100 und in 160 Jahren auf 120 Jahren steigt. Bisher ist kein Ende abzusehen, die Steigung der Lebenserwartung verläuft genau linear.

Es stimmt, dass die Telomere bei älteren Menschen verkürzt sind. Ich kenne aber keinen einzigen Menschen, der an zu kurzen Telomeren gestorben ist. Es kann Grenzen geben, die auf die Verkürzung der Telomere zurückzuführen sind, aber ich denke diese Grenze ist weit weg, bestimmt jenseits 100 Jahre. Eventuell wird es Erkrankungen geben, die auf die Verkürzung der Telomere zurückzuführen ist, jedoch wird es Jahrzehnte dauern, bis die Lebenserwartung jenseits 100 Jahre liegt und vielleicht können wir dann etwas gegen zu kurze Telomere tun.

 

Warum unterscheidet sich die Steigerung der Lebenserwartung in Europa von der in den USA? Gibt es irgendeine Erklärung?

Das ist wirklich ein Rätsel. Die USA ist in so vielen Bereichen führend, auch in der Alternsforschung. Ich denke, dass der Fortschritt in den USA durch ethnische und rassische Veränderungen langsam verlief. Jedoch ist die durschnittliche Lebenserwartung weißer, in den USA geborener Frauen seit 1980 nicht gestiegen. Damit die Lebenserwartung eines Landes steigt, müssen alle Menschen etwas dafür tun. In den USA gibt es jedoch sehr große soziale Unterschiede. Menschen mit einem hohen Einkommen tun etwas für ihre Gesundheit, ernähren sich dementsprechend und bilden sich weiter. Sie leben vermutlich genauso lange wie Europäer. Doch es gibt eine große Anzahl Amerikaner und Einwanderer mit einem geringen Einkommen und mangelnder Bildung, die die durschnittliche Lebenserwartung senken. Was machen diese Menschen, um die Lebenserwartung zu verkürzen? Ein ist die schlechte Ernährung, sie sind übergewichtig, sie bewegen sich zu wenig und rauchen zu viel, auch wenn die Anzahl der Menschen, die in den USA rauchen, zum Glück rückläufig ist. Somit ist es eine Kombination aus mangelnder Bildung, zu niedrigem Einkommen und einer mangelnden Fürsorge sich selbst gegenüber, die zur niedrigen Lebenserwartung in den USA führen.

 

Die Steigerung der Lebenserwartung ist eine große Herausforderung für Politiker, Ärzte und Wissenschaftler. Was denken Sie, ist die größte Herausforderung?

Sie stellt für alle drei Bereiche ein große Herausforderung dar! Die größte Herausforderung für Politiker und die Gesellschaft wird die Entwicklung einer neuen Kultur sein, die auch ältere Menschen mit einbezieht. Es müssen neue Strategien entwicklet werden, die älteren Menschen erlauben, länger zu arbeiten, Strategien, die eine Umverteilung der Arbeit von jüngeren zu älteren Arbeitnehmern fördert. Allgemeiner: Ältere Menschen müssen von der Gesellschaft akzeptiert werden, die Gesellschaft muss die ältere Generation annehmen! Eine alternde Bevölkerung ist auch eine große Herausforderung für Mediziner, da ältere Menschen eine intensivere medizinsche Betreuung erfordern als jüngere. Um eine gesunde ältere Generation zu bekommen, muss noch viel geforscht werden, z.B. über Alzheimer, Arthritis, Herz-Kresilauferkrankungen, Krebs und über die Ursachen anderer Erkrankungen und Todesursachen. Dies stellt die größte Herausforderung für die Wissenschaft dar. Es muss noch viel dafür getan werden, dass alte Menschen in ihrem Alltag zurecht kommen, in ihrem gewohnten Umfeld bleiben und weiterhin ihre täglichen Aufgaben erledigen können.

 

Gemäß Ihrer Publikationen hat Professor Beyreuthers einjährige Enkelin eine Lebenserwartung von ungefähr 100 Jahren. Wie viel Zeit glauben Sie brauchen wir, um die Lebensqualität für dieses Kind und für die letzten 20 Jahre ihres Lebens zu verbessern, ausgehend von der Tatsache, dass Menschen mit 80 multimorbid sind und fünf Erkrankungen gleichzeitig haben?

Für seine Enkelin, die jetzt ein Jahr alt ist, haben wir noch 79 Jahre Zeit, bis sie 80 ist und es scheint so, dass die Wissenscahftler in den nächsten 79 Jahren in der Lage sein werden, Alzheimer und andere Formen der Demenz zu behandeln oder diesen vorzubeugen. Meist denken die Wissenschaftler, der wissenschaftliche Surchbruch muss morgen oder in den näcshten 5 Jahren gelingen. Wir brauchen keinen Durchbruch morgen sondern in den nächsten 79 Jahren.

Die Komorbidität, d.h. das gleichzeitige Auftreten verschiedener Krankheitsbilder, stellt bei älteren Patienten ein großes Problem dar. Schafft man es aber, eine von fünf gleichzeitig vorhandenen Erkrankungen zu eliminieren, eliminiert man damit gleich vier Interaktionen, da die Erkrankungen meist miteinander verknüpft sind.

 

Kürzlich konnten wir in der Zeitung lesen, dass die Zahl der Alzheimer-Patienten von heute 26 Millionen auf weltweit 104 Millionen im Jahr 2050 ansteigen wird. Rechtfertigen Sie die Publikation dieser Daten, die weder die Fortschritte in der Forschung noch die in der Prävention berücksichtigen?

Ich denke, das ist eine sehr irreführende Hochrechnung. Ausgehend davon, dass sich die Bevölkerungszahl der 80- und 90jährigen, also der Personen, die meist an Alzheimer leiden, vervierfacht, wäre diese Population vermutlich viermal so groß wie heute. Ausgehend davon, dass die Häufigkeit der Erkrankung konstant bleibt, wäre die Zahl der Alzheimer Patienten im Jahre 2050 vierfach so hoch. Es ist aber irreführend, die Zahl einfach mit 4 zu multiplizieren. Es wird Möglichkeiten geben, den Eintritt der Erkrankung um einige Jahre hinauszuzögern. Vielleicht wird es Impfungen geben, dir vor Alzheimer schützen. Es wird effektive Behandlungsmöglichkeiten geben. Und außerdem: Gebildete Menschen bekommen seltener Alzheimer als Menschen mit mangelnder Bildung - und die Menschen, die im Jahre 2050 alt sind werden besser gebildet sein, als die ältere Generation heute!

 

Wie bereiten Sie Ihre Zukunft vor?

Ich versuche mit Bewegung und gesundem Essen gesund zu bleiben, Spaß zu haben und trinke ein wenig Weißwein, aber nicht zu viel und versuche aktiv zu bleiben. Ich genieße es sehr, ein Forscher zu sein und möchte möglichst lange aktiv bleiben und weiterhin etwas zur Forschung beitragen. Am liebsten möchte ich arbeiten, bis ich 80 bin. Dies gibt mir eine Perspektive für die Zukunft und macht die Zukunft interessanter und spannender.

Die Vorstellung, die ein junger Mensch von seiner Zukunft hat, ändert sich oft im Laufe seines Lebens. Ich denke, die Zukunft kann interessant und spannend sein. Das Alter birgt auch Vorteile: Man ist erfahrener, hat ein besseres Urteilsvermögen. Ich denke, dass meine Fähigkeit, etwas zur Forschung beizutragen genauso gut ist, wie vor 20 Jahren. Somit hoffe ich, dass ich eine gesunde und produktive Zukunft genießen werde.

 

Zur Person

James Vaupel wurde 1945 in New York geboren.  Seine Familie hat deutsche, schwedische, englische und französische Wurzeln. Er studierte Statistische Mathematik, Betriebswirtschaft und Public Policy in Harvard, wo er 1967 sein BA und 1978 sein Ph.D. machte.  Er lehrte an der Duke University, Universität von Minnesota, sowie an der Universität von Süddänemark und der Universität Rostock.

James Vaupel ist Gründungsdirektor des Max Planck Institutes für Demografische Forschung in Rostock. Er ist Vorsitzender des Direktoriums des "Instituts für Bevölkerungsforschung" der Duke University.Vaupel ist nicht nur Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft sondern darüber hinaus noch Mitglied der U.S. "National Academy of Sciences". James Vaupel ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Dänemark.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 21.05.2014
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