Dr. Marina Schmitt

Zur Person

Institut für Gerontologie an der TU Dortmund

 

Schmitt Marina

 

 

Interview vom 17. August 2009 mit Astrid Soethe-Roeck

 

Zu Ehe und Partnerschaft im Alter weiß man bisher eigentlich wenig. Woran liegt das?

Im Bereich der Ehe- und Partnerschaftsforschung konzentrierten sich bisher viele Studien auf eher kritische Lebensereignisse wie den Beginn einer Ehe, den Übergang zur Elternschaft oder die Auflösung der Ehe durch Scheidung oder Verwitwung. Entsprechend ist über den "typischeren" Fall, nämlich die häufig mehrere Jahrzehnte dauernden Beziehungen des höheren Erwachsenenalters wenig bekannt. Zudem stellen Partnerschaften im höheren Alter ein historisch neues Phänomen dar. Mit der Verdopplung der durchschnittlichen Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren halten auch die Ehen im Durchschnitt immer länger. Dadurch entstand eine neue Phase in der Partnerschaft – die sog. nachelterliche Gefährtenschaft. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, haben die Ehepartner noch eine relativ lange gemeinsame Phase vor sich, die es gemeinsam zu gestalten gilt. Gleichzeitig lässt sich auch ein überdurchschnittlicher Anstieg bei Ehen feststellen, die auch nach langjähriger Beziehung geschieden werden. So betreffen ca. 10 % aller Scheidungen Ehen mit einer Dauer von 26 und mehr Jahren.

 

Wie entwickelt sich die Qualität einer Ehe mit den Jahren? Was verändert sich?

Zunächst ist festzustellen, dass ein hoher Anteil der älteren Paare sich als „glücklich verheiratet“ bezeichnet. Dieser Anteil variiert zwar von Studie zu Studie, liegt aber in der Regel zwischen 70 und 90%. Hinsichtlich der Zufriedenheit mit Ehe und Partnerschaft zeigen sich erhebliche Schwankungen im Lebenslauf, die u.a. mit den unterschiedlichen Herausforderungen zusammenhängen, die sich an die beiden Partner stellen. Im höheren Alter sind die Paare mit verschiedenen Veränderungen konfrontiert: Aufgaben müssen z. B. nach dem Übergang in die nachberufliche Phase neu aufgeteilt werden, man sucht nach neuen Lebensinhalten und sinngebenden Aktivitäten oder muss mit Veränderungen im Machtgefüge umgehen lernen. Paare sollten sich gegenseitig bei der Veränderung verschiedener Rollen unterstützen, bei der Verarbeitung des Älterwerdens und auftretenden Verlustängsten (man ist vielleicht nicht mehr so leistungsfähig und fit, die Gesundheit lässt nach). Todesfälle im familiären und außerfamiliären Umfeld müssen verarbeitet werden. Der Partner oder die Partnerin benötigen Unterstützung bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit. Gerade sehr alte Paare sind auch mit der Tatsache konfrontiert, dass nach dem Tod eines Partners der andere alleine zurückbleibt. Es sind also eine ganze Reihe von Veränderungen und Herausforderungen, mit denen sich die Paare auseinandersetzen müssen.

 

Sie sind mit diesem Themenfeld schon seit etlichen Jahren vertraut. Beobachten Sie im Laufe der letzten Jahre gesellschaftliche Veränderungen des Umgangs mit Partnerschaft und Ehe im Alter? Wenn ja, was hat sich verändert, und was sollte sich Ihrer Meinung nach noch alles tun?

Zunächst finde ich es sehr begrüßenswert, dass die Chancen und Herausforderungen älterer Partnerschaften sowie Liebe und Sexualität im Alter zunehmend in der Gesellschaft und in den Medien thematisiert und weniger tabuisiert oder einseitig verzerrt dargestellt werden. Das ermutigt ältere Paare auch dazu, über ihre Probleme und Schwierigkeiten zu sprechen und zunehmend auch Unterstützung oder Beratung in Anspruch zu nehmen. Zudem treten demnächst jene Altersgruppen in diese Lebensphase ein, die aus ihrer Biographie einen offeneren Umgang mit diesen Themen mitbringen. Einen Beitrag leistet möglicherweise auch das veränderte Rollenverständnis von Männern und Frauen.

 

Investieren Männer und Frauen in gleichem Maße in die Beziehung? Und wie zufrieden sind jeweils Frauen und Männer mit ihren Partnerschaften?

Ob es Unterschiede zwischen Männern und Frauen hinsichtlich der Ehezufriedenheit gibt, ist vorliegenden Studien zufolge unklar. Fragt man allgemein nach der Zufriedenheit mit der Ehe, so finden sich häufig eher keine oder nur geringe Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Unterscheidet man jedoch verschiedene Aspekte der Zufriedenheit, so zeigt sich, dass Frauen mit der Kommunikation, mit der Sexualität und mit der Unterstützung in der Ehe unzufriedener sind. Die Unzufriedenheit mit diesen Bereichen der Partnerschaft scheint sich besonders dann zu verstärken, wenn die Partnerschaft insgesamt als eher belastend wahrgenommen wird. Dies scheint daran zu liegen, dass sich Frauen mit Beziehungsproblemen stärker auseinandersetzen und mehr Gefühle zum Ausdruck bringen, während Männer Probleme weniger wahrnehmen oder ihnen häufig aus dem Weg gehen.

 

Bei diesem Thema fragt sich wahrscheinlich jeder selbst, wie es um die Qualität der eigenen Ehe bestellt ist. Frau Schmitt, gibt es Kriterien, an denen man eine „gute“ Ehe erkennen kann?

Je nach theoretischem Ansatz werden verschiedene Kriterien genannt, an denen man eine gute Ehe erkennen kann. Eine Rolle spielt demnach die erlebte Fairness  und das Verhältnis von Kosten und Nutzen in der Beziehung. Hervorgehoben wird aber auch immer die Bedeutung der Kommunikation und des Umgangs mit Konflikten, die Rolle gemeinsamer Aktivitäten und der erlebten Unterstützung. Bei der Kommunikation hat sich beispielsweise gezeigt, dass sich zufriedene Paare im Vergleich zu unzufriedenen Paaren häufiger austauschen und ihre Gespräche durch  mehr Wärme, Einfühlungsvermögen und Zärtlichkeit begleitet werden. Sie erleichtern sich die Kommunikation auch durch versöhnende oder das Miteinander begünstigende Handlungen. Hier spielt Humor eine wichtige Rolle, sowie die Akzeptanz des anderen (z.B. ein Themenwechsel zur rechten Zeit oder der geringere Vermeidung von negativen Inhalten, wie Abwertung, Kritik, sarkastische oder verächtliche Bemerkungen). Weiterhin tragen gemeinsame Aktivitäten zur Gemeinschaftlichkeit bei. Sie stärken das Gefühl des Miteinanders. Aber auch die gegenseitige Unterstützung ist wichtig für die Zufriedenheit mit der Partnerschaft.

 

Welche Rolle spielt Sexualität für die Zufriedenheit mit der Partnerschaft im Alter? Gibt es da Unterschiede zur Partnerschaft in jungem Alter?

Sexualität und Zärtlichkeit sind ein menschliches Grundbedürfnis. Wenn sich mit zunehmendem Alter körperliche Funktionen verändern, heißt das nicht, dass Sexualität keine Rolle mehr spielt. Wichtig sind auch hier die Erfahrungen, die der Einzelne aus seiner bisherigen Lebensgeschichte mitbringt, seine Einstellungen und bisherigen Verhaltensweisen. Wichtig ist es hier, dass die Kommunikation über sexuelle Wünsche und Bedürfnisse sich stärker auf die Zufriedenheit mit der Partnerschaft auswirkt als die Tatsache, ob man Geschlechtsverkehr ausübt oder nicht.

 

Sie haben sich ja nicht nur mit denjenigen Älteren beschäftigt, die in festen Partnerschaften leben, sondern auch mit denen, die alleine leben. Singles im Alter, das klingt vorerst einmal ungewohnt. Wie würden Sie Singles im Alter beschreiben, - vielleicht im Vergleich zu jungen Singles?

Das ist zunächst davon abhängig, wie man Singles definiert. Wir in unserer Arbeitsgruppe schließen alle Menschen ein, die nicht in einer festen Partnerschaft leben. Diese Gruppe stellt sich somit natürlich sehr unterschiedlich dar. Darunter sind Menschen, die schon sehr lange ohne Partner sind, Menschen, die gerade verwitwet sind oder geschieden wurden. Diese Menschen wiederum können Familien haben oder alleine sein. Bei unseren Auswertungen zeigt sich, dass jüngere Singles im Vergleich zu jüngeren Menschen in anderen Lebensformen mit besonders vielen Bereichen (Einkommen, Wohnung und Freizeit), sowie mit dem Leben insgesamt eher unzufrieden sind. Bei den älteren Singles zeigen sich insgesamt ähnliche Unterschiede. Jedoch zeigen die älteren Singles eine höhere Zufriedenheit mit dem Freizeit- und Wohnbereich.

 

Viele Menschen träumen davon, mit einem geliebten Menschen gemeinsam alt zu werden. Was können wir dafür tun, dass dieser Traum Wirklichkeit wird?

Sicher sollten wir möglichst viele der Dinge im Umgang miteinander berücksichtigen, die ich weiter oben bereits genannt habe. Fragt man Menschen in langjährigen Partnerschaften selbst nach den wichtigsten Zutaten für eine erfolgreiche Partnerschaft, so nennen diese vor allen Dingen folgende: Toleranz/Verständnis, Vertrauen/Offenheit, Liebe (von der ist eigentlich, wenn man über Partnerschaften spricht, viel zu wenig die Rede), gute Konfliktlösung, gemeinsame Lebensbereiche, Solidarität/Unterstüzung, Kinder/Enkel, sowie Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung in der Partnerschaft und Treue.

 

 

Zur Person

Marina Schmitt, geboren 1965, ist seit 2008 wissenschaftliche Geschäftsführerin des Instituts für Gerontologie an der Technischen Universität Dortmund und stellvertretende Vorsitzende der Sektion III „Sozial- und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie“ der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG). Bis 2008 war Marina Schmitt fast vierzehn Jahre der Universität Heidelberg verbunden, wo sie 2001 am Institut für Gerontologie promovierte. Innerhalb dieser Zeitspanne arbeitete sie sowohl für das Institut für Gerontologie, als auch für das Deutsche Zentrum für Alternsforschung und dem Psychologischen Institut der Universität Heidelberg.

Dr. Marina Schmitt ist einige der wenigen Wissenschaftler, die sich intensiv mit sozialen Beziehungen (insbesondere Paarbeziehungen) im mittleren und höheren Erwachsenenalter beschäftigen, und hat hierzu einschlägige Publikationen veröffentlicht. Eine Auswahl an Publikationen und Näheres zur Person finden Sie auf ihrer Website der TH Dortmund.

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Letzte Änderung: 21.05.2014
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