Dr. Thomas Röske

Zur Person

Leiter der Sammlung Prinzhorn, Psychiatrische Universitätsklinik, Universitätsklinikum Heidelberg

 

Roeske, Foto von Michael Doh, NAR

 

Interview vom 12. Mai 2009 mit Dr. Birgit Teichmann

 

Der Ursprung der Sammlung Prinzhorn geht zurück ins Jahr 1919: Der damals als Assistenzarzt an der Heidelberger Universitätsklinik tätige Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886-1933) forderte in einem Rundschreiben die Leiter psychiatrischer Anstalten im In- und Ausland auf, schöpferische Erzeugnisse ihrer Patienten zu schicken.

 

Herr Röske, können Sie uns etwas über die Anfänge der Sammlung Prinzhorn berichten?

Der Ursprung der Sammlung reicht viel weiter zurück: Ende des 19. Jahrhunderts hat Emil Kraepelin, dem wir die grundlegende Zweiteilung der psychischen Krankheiten verdanken, bereits angefangen, Werke zu sammeln - vor allem Werke aus Heidelberg. Dies ist dann noch weiter geführt worden, schon vor dem ersten Weltkrieg. Man hat Werke aufbewahrt, von Männer und Frauen hier aus Heidelberg und Wiesloch, und erst nach dem ersten Weltkrieg hatte Karl Wilmanns, der neue Leiter der Psychiatrie hier in Heidelberg, die Idee, jemanden anzustellen, um den Bestand systematisch auszubauen: Hans Prinzhorn, mit Hilfe des besagten Aufrufs, auf den dann mehr als 5000 Werke nach Heidelberg gekommen sind.

 

Daher auch der Name der Sammlung: Sammlung Prinzhorn?

Eigentlich müsste es Ansammlung Prinzhorn heißen, weil man bei Sammlung immer denkt, dass Hans Prinzhorn systematisch gesucht hätte. Er hat aber fast alles genommen, was ihm geschickt wurde. Eigentlich hat die Sammlung auch Prinzhorns Fassungsvermögen überstiegen. Es sind sehr viele Werke darin, die er nicht gewertschätzt hat und die er noch nicht als Kunst erkennen konnte. Zum Beispiel das Jäckchen von Agnes Richter, das über und über mit Text bestickt ist. Das kommt in seinem Buch überhaupt nicht vor. Wir würden heute eigentlich sagen: Das ist ein Meisterwerk. Aber für Prinzhorn war es wahrscheinlich erstens Kunsthandwerk, weil Richter als Schneiderin ein Jäckchen gemacht hat. Und der Mitteilungsaspekt, der im Vordergrund stand, hat ihn auch nicht interessiert. Er war an einem ursprünglichen, direkten Ausdruck des Unbewussten interessiert.
Werke, die die meisten Leute heute im Kopf behalten, wenn sie sie sehen, sind die Briefe von Emma Hauck. Sie wiederholt in diesen so oft das bittende „Herzensschatzi komm“ - übereinander, nebeneinander, untereinander -, dass sich eine Grauschwärzung der Fläche ergibt. Die Frustration wird sozusagen sichtbar in diesem Amalgam von unlesbaren Schriftzeilen. Prinzhorn bildet eines dieser Blätter in seinem Buch ab, allerdings auf dem Kopf stehend, mit einer falschen Autorenzuweisung und bloß als Beispiel für Kritzelei mit erster Ordnungstendenz.
Wir können heute noch sehr viele Dinge in der Heidelberger Sammlung entdecken, und das macht sie so reich!

 

Wie kann man sich das Leben der Patienten in den Anstalten damals im Vergleich zu heute vorstellen?

Früher kamen Menschen mit einer psychischen Krise in Anstalten und blieben dort oft den Rest ihres Lebens, 20, 30 oder 40 Jahre lang. Einige von den Patienten haben erst im Alter angefangen zu malen – oftmals auch nach sehr langer Zeit des Schweigens. Das damals übliche Erscheinungsbild von Langzeitpatienten war, dass sie immer mehr in sich zusammen krochen, autistisch wurden und eigentlich keine richtige Kommunikation mehr betrieben haben. Einige fingen sogar in diesem Spätstadium plötzlich an, künstlerisch tätig zu sein. Wir denken heute, es ist wie ein letztes Aufbäumen, auch eines Mitteilungswunsches, der sich dann eben andere Wege sucht, vielleicht auch ein Reaktivieren von erinnerten Fähigkeiten.
Die Situation ist heute anders. Heute können ja Medikamenten relativ schnell aus der Akutphase heraushelfen, und die Verweildauer in der Psychiatrie ist wesentlich kürzer. Diejenigen, bei denen die Einschränkungen anhalten, leben heute in betreuten Wohneinrichtungen. In Berlin wohnt so beispielsweise Vanda Vieira-Schmidt, die seit 1995 stapelweise DinA4-Papier bezeichnet, bis heute mehr als 700.000 Blätter, mit denen Sie auf magische Weise das Üble in der Welt zu bekämpfen glaubt. Das hat lange keiner von den Betreuern gemerkt, weil die Wohngruppe immer am Wochenende, wenn keiner von den Betreuern da war, eine Kette gebildet hat und die Sachen in den Keller befördert hat. Und im Keller war dann alles voll mit diesen Stapeln. Als die Stapel entdeckt wurden, war man auch zunächst ratlos, wie man damit umgehen sollte – und wie das zu bewerten sei. Aber dann hat eine Betreuerin gesagt: „Moment mal, ist das Kunst? Ich frage mal bei der Sammlung Prinzhorn nach“. Wir haben dieses gewaltige Kreativwerk für den Weltfrieden dann zwei Jahre in Heidelberg gezeigt.
Heute gibt es in den Psychiatrien eigentlich immer schon Therapeuten oder Ärzte, die Kreativität von Patienten wertschätzen, und meist ist dann die Wertschätzung der Kreativen selbst so groß, dass sie ihre eigenen Arbeiten behalten.

 

Was macht denn für Sie das Besondere aus an der Kunst Psychiatrie-Erfahrener?

Die historischen Werke übermitteln eine Perspektive, die sonst nicht überliefert ist: Eine Perspektive von Menschen, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden, zurück auf die Gesellschaft. Wir haben kaum Zeugnisse sonst, wie es diesen Menschen ging oder was sie gedacht haben. Und so vielfältig, wie es hier in der Sammlung präsentiert ist, findet man nichts Vergleichbares. Man gibt diesen Menschen, die nicht gehört wurden, eine Stimme, indem man die Werke zeigt. Viele von diesen Werken sind auch so verblüffend originell und oftmals auch so lapidar, also nicht bemüht, dass man davon einfach verblüfft ist. Die Arbeiten entwickeln eine ganz eigene ästhetische Qualität. Wenn man sich mit diesen Werken befasst, bekommt man auch einen anderen Blick auf das, was in unserer Gesellschaft als Kunst bezeichnet wird. Und man merkt, dass das, was als Kunst bezeichnet wird, ideologisch ungeheuer stark aufgeladen ist. Wir erwarten eigentlich ganz bestimmte Dinge von Kunst. Die Werke der Sammlung Prinzhorn liefern noch sehr viel mehr Aspekte über das Leben des Einzelnen und das Leben in der Gesellschaft, als Kunst das vermag. Deshalb finde ich das sehr spannend, und als Kunsthistoriker sehe ich es als eine Herausforderung.

 

In ihrem Vortrag am 09. Juli 2009 im Rahmen der Reihe „NAR-Seminare“ werden Sie über Gudrun Bierski sprechen, eine Künstlerin, die sich nach einer nervliche Krise bei ihren Eltern und Schwestern mehr denn je der Kunst widmete. Wie kamen Sie an Ihre Bilder?

Gudrun Bierski starb 2006 im Alter von 80 Jahren. Die beiden Neffen, die das Erbe antreten sollten, hatten sich überlegt, ein Räumungskommando zu beauftragen, weil die Wohnung komplett zugewuchert war, ein Zimmer war unbetretbar. Dann hatten sie aber ein schlechtes Gewissen, weil ihre Tante das ganze Leben hindurch künstlerisch gearbeitet hat. Sie haben dann mich und die Kuratorin der Sammlung geholt, und wir waren gleich begeistert und haben fast alles mitgenommen, was da war, Gemälde, Knüpfteppiche und viele Aufzeichnungen und Bücher mit Wortsetzungen, wie „Rucksackfrühstück“ oder „Im Teich Bartfarben“. Bierski hat das wahrscheinlich begonnen, weil sie sich Dinge merken wollte, manchmal sind es auch Namen, die sie aufschrieb. Aber die Systematik hinter dem Aufschreiben lässt sich nicht mehr nachvollziehen und so bekommen die Ergebnisse eine poetische Qualität.
Die Knüpfteppiche enthalten offenbar verschlüsselte Botschaften, es gibt Aufzeichnungen, aus denen klar wird, dass Bierski die Kombination bestimmter Farben für Buchstaben oder ganze Wörter einsetzt. Man kann wohl, wenn man sich Mühe gibt und sich vertieft, diese Teppiche lesen.
Dann gibt es eine ganze Reihe von Gemälden. Bierski hat seit den 60er Jahren alle mit weißen Pappmachérahmen umkleidet. Zum Teil wuchert dieses Pappmaché auch in die Bilder hinein, und es gibt Pappmaché-Objekte, die man auf den Tisch stellen kann, die eigenwillige organische Formen haben – erst einmal etwas unansehnlich wirken, aber schon spannend sind.

 

Sind diese Pappmaché-Rahmen vielleicht auch auf Grund fehlenden Geldes für Rahmen zustande gekommen? Hat Bierski sie vielleicht selbst gemacht, weil sie nicht die Möglichkeit hatte, entsprechende Rahmen zu kaufen?

Ja, es kann sein, dass das Anstoß war, aber diese Rahmen haben sich dann verselbständigt, sie wirken zum Teil sehr üppig und, wie gesagt, sie wachsen auch in die Bilder hinein, zuweilen gehen Liniensysteme sogar aus dem Bild heraus auf den Rahmen über, integrieren sie also. Ich denke, gestalterische Aspekte spielten da sicherlich mindestens eine genauso große Rolle wie möglicherweise das Sparen von Geld. Aber sie haben auch wieder eine ganz eigenwillige Anmutung, und die meisten, die sie sehen, werden erstmal denken: Das sieht ja sonderbar aus, gruselig oder schmuddelig oder so. Vielleicht war das sogar Teil der Absicht.

 

Wie viel Werke waren es insgesamt, die Sie von ihr bekommen haben?

Insgesamt sind es gar nicht so viele. Wir haben etwa 50 Werke. Es sind einige im Familienbesitz geblieben. Die Neffen haben sich von unserer Begeisterung anstecken lassen und doch einiges behalten. Sie haben dann sogar eine Art Dossier zusammengestellt, das sehr viele wertvolle Informationen über die Lebensstationen und die Lebensweise ihrer Tante enthält. So etwas haben wir selten. Es gibt öfter Leute, die uns Dinge von Verwandten geben, Aufzeichnungen über sie machen aber dann – aus welchen Gründen auch immer – zuviel Mühe. Da ist Gudrun Bierski schon eine gut dokumentierte Ausnahme.

 

Was für eine Erkrankung hatte Gudrun Bierski?

Ein paar Jahre vor ihrem Tod wurde „Schizophrenie“ diagnostiziert. Es wird aber berichtet, dass sie sich bereits seit den 50er Jahren eigenwillig benahm und sich zur Außenseiterin entwickelte, auch in ihrem sprachlichen Auftreten. Sie trug – unabhängig von der Jahreszeit – immer selbstgestrickte Wollkleidung, badete sogar einmal mit ihrer Wollkleidung im Main. Eine Episode fand sogar den Weg in die Zeitung: Als sie einem Pfarrer während einer Predigt eine Blume überreichte.

 

Das heißt, die Leute warten jetzt gespannt auf Ihren Vortrag, um noch vieles aus dem Leben von Gudrun Bierski zu erfahren.  Werden wir Bilder von Gudrun Bierski mal in einer Ausstellung hier sehen können?

Man wird Gemälde und Teppiche von Gudrun Bierski ab Anfang Juni in einer Ausstellung im Marburger Kunstverein sehen. Da wird es das erste Mal eine größere Auswahl von sechs Künstlern der neueren Sammlung geben. Bisher haben wir erst einmal Bierski vorgestellt, bei der Ausstellung „Die Sammlung wächst“ vor zwei Jahren.

 

Wird es auch einmal eine eigene Gudrun Bierski-Ausstellung hier in Heidelberg geben?

Das wäre schön, aber man müsste zunächst jemanden finden, der sich in dieses Œuvre vertieft, sämtliche Dokumente durchgeht und versucht, Bierskis Geheimsprache zu entschlüsseln. Das Team des Museums hat leider nicht die Zeit, sich um alle Künstler der Sammlung intensiv zu kümmern. Unsere Wechselausstellungen sind meistens thematisch ausgerichtet, selten widmen sie sich nur einem Künstler.
Im nächsten Sommer erhält allerdings ein hervorragender Maler der Sammlung eine Solo-Schau, von dem auch unser „Logo“ stammt – Josef Forster (1878-1949). An seinem Beispiel soll gezeigt werden, welche Disziplinen zum Verstehen von Werken Psychiatrie-Erfahrener beitragen können. Forster hat eine ungeheuer farbige Philosophie entwickelt. Sein System – „Wahnsystem“ würden die Ärzte sagen – war so komplex und interessant, dass er nach München eingeladen wurde, um vor Kreapelin einen Vortrag darüber zu halten. Es ging ihm um extreme Autarkie, Forster wollte sich nur noch von seinen eigenen Körperausscheidungen ernähren. Gelegentlich hat er damit auch gemalt.

 

Zur Person

Thomas Roeske ist 1962 in Reinbek bei Hamburg geboren. Von 1981-1986 studierte er Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Psychologie an der Universität Hamburg und promovierte nach seinem Zivildienst an der Rheinischen Landesklinik Langenfeld über Hans Prinzhorn. Nach einem Jahr als Kurator beim Neuen Kunstverein Aschaffenburg wurde er 1993 Assistent am Kunstgeschichtlichen Institut der Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt. Im Jahr 2000 erhielt Thomas Röske ein Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft für das Projekt "Das Individuum im Bild – Die Idee des Selbstausdrucks in Kunst und Kunsttheorie um 1800". 2001 wurde er Kurator des neu eröffneten Museums Sammlung Prinzhorn. Seit 2002 ist er dessen Leiter.

Thomas Röske ist auch privat leidenschaftlicher Sammler: Hier in Form einer umfangreichen CD-Sammlung, hauptsächlich mit Werken aus der Spätromantik bis zur zeitgenössischen Musik.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 21.05.2014
zum Seitenanfang/up