Prof. Dr. Astrid Riehl-Emde

Zur Person

Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie, Universitätsklinikum Heidelberg

 

Riehl Emde

 

Interview vom 5. August 2009 mit Dr. Birgit Teichmann

 

"Sex im Alter" ist ein Thema, das in den Medien nur sehr am Rand behandelt wird. Filme wie "Wolke 9", deren Hauptpersonen ältere Leute sind, werden sehr kontrovers diskutiert. Ergebnisse einer Studie haben jedoch gezeigt, dass der Sex nicht mit dem Alter weniger wird, sondern mit dem Alter der Beziehung.

Da sprechen Sie etwas ganz Wichtiges an: Wir wissen heute, dass die Sexualität eines Paares – mindestens  bis zum Alter von 50 Jahren, vermutlich aber deutlich länger – sehr viel stärker durch die Dauer der Beziehung als durch das Alter der Partner gedämpft wird. Die sexuelle Aktivität hängt also weniger davon ab, ob jemand 25, 40 oder 60 Jahre alt ist, sondern mehr davon, ob die Beziehung seit einem, fünf, zehn Jahren oder länger besteht. Ältere Paare in jungen Beziehungen führen in der Regel ein deutlich aktiveres Sexualleben als ältere Paare in Langzeitbeziehungen, das zeigt uns auch der Film "Wolke 9".
Es gibt aber auch altersbedingte Einflüsse auf die Sexualität: In der Regel sinken die sexuelle Ansprechbarkeit und die sexuelle Reaktionsfähigkeit, während die Erregungs- und Orgasmusfähigkeit bleiben grundsätzlich erhalten. Häufig kommt es ab dem 60. Lebensjahr allmählich, spätestens jedoch nach dem 70. Lebensjahr zu einer deutlichen Reduktion sexueller Kontakte. Sexuelle Aktivitäten, erotische Wünsche und Phantasien dauern aber oft bis in die hohen 80er Jahre und verschwinden auch danach nicht immer ganz, allerdings verändern sich Intensität, Formen und Inhalte. Sexualität im Alter ist natürlich auch abhängig vom Vorhandensein eines sexuell interessierten Partners, von der gesundheitlichen Verfassung und auch davon, wie Sexualität in jungen Jahren erlebt und gelebt wurde.

 

Welche Erfahrung haben Sie in Ihrer Funktion als Paartherapeutin gemacht: Sind es die Paare, die schon sehr lange zusammen sind, die sich Rat in Ihrer Sprechstunde holen oder frisch verliebte ältere Paare?

An unserem Institut biete ich eine Spezialsprechstunde für ältere Paare an, das sind Paare, von denen mindestens ein Partner zwischen 60 und etwa 75 Jahre alt ist. Die Paare, die zu uns kommen, leben überwiegend in Langzeit-Beziehungen, 1/3 der Paare sind zwischen 31 bis 40 Jahren verheiratet, ein weiteres Drittel sogar seit über 40 Jahren. Die Initiative zur Anmeldung geht übrigens viel häufiger von der Frau aus als vom Mann, bisweilen geben sogar Kinder ihren Eltern die Empfehlung, es mal mit einer Paartherapie zu versuchen.

 

Welche Paare wenden sich an Sie? Paare, die unzufrieden mit ihrer sexuellen Beziehung sind oder Paare, bei denen zumindest einer der Partner aufgrund körperlicher oder krankheitsbedingter Einschränkungen Ratschläge sucht?

Wir haben eine allgemeine Ambulanz an, d.h. unsere Spezialsprechstunde für ältere Paare ist breit angelegt und zieht daher auch ein anderes Klientel an als sexualmedizinische Einrichtungen, an die sich Einzelpersonen oder Paare speziell mit sexuellen Problemen oder mit der Frage nach einer Sexualtherapie wenden. Die häufigsten Anliegen, mit denen ältere Paare zu uns kommen, sind:

  • Probleme in zeitlichem Zusammenhang mit dem Übergang in den Ruhestand: Es kann z.B. zu Außenbeziehungen oder zu heftigen Streitigkeiten kommen, wenn die Arbeit als Regulator von Nähe und Distanz wegfällt.
  • Belastung durch Krankheit und asynchrone, d.h. ungleichzeitige  Alternsprozesse: Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass ein Mann deutlich schneller altert als seine Frau, es belastet beide, wenn einer nicht mehr "mithalten" kann und erfordert bisweilen eine Rollenumkehr, die für beide eine enorme Herausforderung bedeutet. Wenn zum Beispiel der ehemals dominante Mann nun in die Rolle des Abhängigen gerät und die ehemals sich unterordnende Frau mehr bestimmen soll, wo es lang geht.
  • Es können Erinnerungen auftauchen bzw. noch unerledigte frühere Konflikte wieder hochkommen, die die Beziehung erheblich belasten.
  • Bisweilen gibt es auch so etwas wie ein "Eheliches Burnout". So bezeichne ich Paarbeziehungen, in denen die positiven Gefühle füreinander – also: Zärtlichkeit, Geduld und liebevolle Zuwendung – erschöpft sind, in denen die so dringend gebrauchte Anerkennung ausbleibt und sich stattdessen Gleichgültigkeit und Kälte, manchmal sogar Härte und Zynismus ausbreiten. Das Ausgebranntsein, die Ausweglosigkeit hat wesentlich mit dem Gefühl und Wissen zu tun, der Beziehung nicht mehr entrinnen zu können.
  • Konflikte mit den Kindern, die zu Kontaktabbrüchen zwischen Enkeln und Großeltern führen können, verursachen den Großeltern meist besonderes Leid und führen bisweilen in die therapeutische Praxis; auch Sorgen um erwachsene Kinder können ein Anliegen sein.
  • Und natürlich unbefriedigende Situationen in der gemeinsamen Sexualität. Die meisten Paare, die zu uns kommen, sind unzufrieden mit ihrem Sexualleben, auch wenn sie dies bei der Anmeldung nicht als Problem nennen. Ich erinnere mich aber auch an Paare aus der Sprechstunde, die von einem sehr befriedigenden, teilweise sogar leidenschaftlichen gemeinsamen Sexualleben berichteten, das allerdings von Dauerstreitigkeiten in Mitleidenschaft gezogen wurde, die dann der Hauptgrund für die Anmeldung waren.

 

Gibt es nicht eine Hemmschwelle, sich sexualtherapeutisch beraten zu lassen? Ich würde erwarten, dass nur diejenigen, die in Ihrem Leben offen mit der Sexualität umgegangen sind, sich „trauen“, Rat zu holen und diejenigen, die auch in jungen Jahren nicht mit ihrem Partner über eventuelle Schwierigkeiten oder Neigungen gesprochen haben, dies im Alter erst recht nicht tun würden – und demnach auch keinen Rat einholen würden.

Wer in eine sexualmedizinische Einrichtung geht, hat schon die erste Hemmschwelle überwunden! Generell benötigen Menschen aller Altersstufen Mut, über die eigene Sexualität zu sprechen, eigene Wünsche und Abneigungen zu zeigen und es auch auszuhalten, dass der Partner oder die Partnerin darauf möglicherweise nicht positiv reagiert. Ohne diesen Mut schläft die Sexualität häufig ein. Manche Menschen haben ausreichend Mut, andere brauchen professionelle Hilfe, um diesen Mut zu wecken, und wieder andere Paare finden nie den Mut dazu! Der Verzicht auf Sexualität kann es einem Paar eben auch ermöglichen, den damit verbundenen Konflikten auszuweichen. In der Arbeit mit Älteren ist es enorm wichtig, zeitgeschichtlich zu denken, also insbesondere der sexuellen Sozialisation der jeweiligen Generation und ihrem kulturellen Hintergrund Rechnung zu tragen.

 

Spielt (fehlende oder mangelnde) Sexualität eine entscheidende Rolle, wenn sich langjährige Paare trennen?

Die Bedeutung der Sexualität wird da häufig überschätzt. In meiner früheren Untersuchung zum Thema "was Paare zusammenhält" waren die Verbundenheit in Liebe und der Austausch im Gespräch viel wichtiger für den Zusammenhalt des Paares als die Sexualität. Die Liebe in langjährigen Paarbeziehungen wird in der Regel auch anders erlebt als die Liebe in jungen Beziehungen. In langjährigen Beziehungen gilt sie als eine spezielle Form der Bindung, als eine Kombination aus Zuneigung, Freundschaft, Sexualität, Verpflichtung, gemeinsamer Problembewältigung und einem von beiden Partnern geteilten sozialen Netz aus Kindern, Freunden und Nachbarschaft. Die Beziehungsgeschichte spielt dabei eine zentrale Rolle.
Übrigens beenden viele Paare ihr Sexualleben, wenn sie Großeltern werden – dies allerdings nicht, weil ihre Wünsche und Fähigkeiten auf null sinken, sondern meist wegen der Vorstellung, Großeltern sollten kein Sexualleben mehr haben. Natürlich gibt es viele Menschen, die auch in jüngeren Jahren nicht besonders an Sexualität interessiert sind, die sich dann mit zunehmendem Alter weniger verpflichtet fühlen, Interesse an Sexualität zu zeigen. Dann ist es nur konsequent, womöglich sogar ein emanzipatorischer Akt, zu sagen: "Wissen Sie, wir ziehen heute ein Glas Wein vor."  Dieser Satz stammt von einem Paar, das im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung befragt wurde.

 

Welchen Einfluss hatte die Entwicklung von Viagra auf die Sexualität älterer Menschen? Wurden damit wirklich Probleme gelöst, die jenseits medizinischer Probleme liegen?

Ein erweitertes Therapiespektrum aus Sexualtherapie und oraler Medikation gilt heute als Standard. Medikamente gegen organisch bedingte Erektionsstörungen können betroffenen Männern helfen, gerade wenn eine Erektionsschwäche durch Versagensangst oder Stress verursacht wird. Wegen der Nebenwirkungen sollten diese Medikamente allerdings nur mit ärztlicher Verschreibung und in Absprache mit der Partnerin eingenommen werden. Ich höre übrigens öfter, dass Frauen gar nicht so froh sind über die neu stimulierte Potenz ihrer Partner. Umgekehrt lassen sich geringfügige organische Defizite aber auch ganz gut durch psychologische Beratung oder Sexualtherapie kompensieren. Manchmal hilft auch die Information über normalerweise zu erwartende altersbedingte Veränderungen der Sexualorgane oder über die Auswirkungen von Erkrankungen und Medikamenten, um sich auf die Veränderungen im Sexuellen besser einzustellen.
Es ist interessant, dass Männer zwar weniger dramatische Hormonumstellungen als Frauen erleben, ihre sexuellen Funktionen aber störanfälliger sind und die altersbedingten Veränderungen dadurch oft einschneidender erlebt werden. Besonders störanfällig sind Männer, die sich stark an einem von Jugendlichkeit, körperlicher Fitness, Stärke und Ausdauer geprägten männlichen Rollenideal orientieren. Für ältere Männer hat die sexuelle Befriedigung über den Koitus eine viel zentralere Bedeutung für das Erleben von Intimität als für Frauen. Für Frauen sind die Akzeptanz ihres Körpers und eine liberale Einstellung zu sexuellen Erlebens- und Ausdrucksformen, aber auch Zärtlichkeit und Austausch im Gespräch sehr wichtig für die Aufrecherhaltung von sexuellem Interesse und Zufriedenheit.
Mir persönlich gefällt die Bezeichnung der „zweiten Sprache der Sexualität“ im Alter, die nicht nur körperliche, sondern vor allem emotionale und kommunikative Aspekte kennt und Einfühlungsvermögen erfordert. Konkret ist damit ein zärtlicher und humorvoller Umgang miteinander gemeint, beispielsweise ein verlängertes „Vorspiel“ und das nicht so Ernstnehmen einer gelegentlichen Impotenz. Der Film „Wolke 9“ zeigt uns ein schönes Beispiel dafür.

 

Wer ist der Ansprechpartner für Paare, die sich beraten lassen möchten? Muss der Haus- oder Facharzt eine Überweisung ausstellen oder können Sie sich direkt in Ihrer Sprechstunde anmelden?

Paare können sich direkt im Sekretariat unseres Instituts anmelden und einen Termin bekommen. In der Regel ist es möglich, einige Gespräche über die Krankenkasse abzurechnen, wenn ein Überweisungsschein vorliegt.

 

Zur Person

Astrid Riehl-Emde, Psychologische Psychotherapeutin, ist Stellvertretende Leiterin des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie und Leiterin der dortigen Spezialsprechstunde für ältere Paare. Berufliche Tätigkeit in der ambulanten und stationären Psychotherapie, in universitärer Lehre und Forschung, Dozentin und Supervisorin in der Fort- und Weiterbildung für Paar- und Familientherapie, Mitherausgeberin der Zeitschrift Psychotherapie im Alter (PiA). Diverse Publikationen u.a. zur Paartherapie und Paarforschung. Letzte Buchpublikation: Liebe im Fokus der Paartherapie (2003).

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 21.05.2014
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