Karl Reichert-Schüller

Zur Person

Arbeitskreis Schriesheimer Senioren e. V. (ASS)

               Reichert

Interview am 20. August 2012 von Stefan Wesselmann

 

Herr Reichert-Schüller, können Sie uns bitte ein Beispiel für Ihre Seniorenarbeit schildern – vielleicht Ihr Lieblingsprojekt?

Mein Lieblingsprojekt ließe sich unter das Thema „Lernen und Lebensbegleitung“ stellen. Wir arbeiten mit der Werkrealschule Schriesheim zusammen, mit dem Ziel, Jugendliche in den Klassen acht bis zehn schulisch zu verbessern. Wir helfen ihnen in den Hauptfächern Mathematik, Englisch und Deutsch. Dies soll ihnen mehr Sicherheit geben, ihre Chancen verbessern und sie auf einen zukünftigen Beruf vorbereiten. Ich habe dieses Projekt besonders gern, weil die Jugendlichen in einem nicht ganz einfachen Alter sind und wir einen Beitrag leisten, damit sie sich den Herausforderungen ihrer Lebensphase stellen können. Mit dem ASS haben sie neben Familie und Schule eine dritte Anlaufstelle. Die Frauen in unserem Verein betreuen Mädchen, die Männer Jungen. Vor allem die Mädchen öffnen sich oft sehr und erzählen Dinge, die sie zuhause vielleicht nicht erzählen würden. In diesem Sinn besteht dieses Projekt nicht nur aus Nachhilfe. Wir lesen auch gemeinsam Zeitung, sprechen über aktuelle Ereignisse oder gehen ins Museum.

 

Geben Sie bitte einen kurzen Querschnitt Ihrer Projekte.

Wir bieten Projekte „von der Wiege bis zur Bahre“ an. So sind wir Leihomas und –opas für ein- bis dreijährige Kinder: In Schriesheim gibt es viele Zugezogene, bei denen die Großeltern zu weit weg wohnen. Ebenso helfen wir auch in den Seniorenheimen aus. Bei den meisten unserer Aufgaben stehen Menschen im Mittelpunkt. Wir helfen aber auch anderweitig. Da gibt es zum Beispiel den Talhof und den Mühlenhof, zwei Einrichtungen der Evangelischen Stadtmission Heidelberg für Menschen, die im Leben Pech hatten. Für den Talhof verkaufen wir vor dem Schriesheimer Alten Rathaus Gemüse, das die Bewohner selbst angebaut haben. Und für den Mühlenhof haben wir Weihnachtsbäume verkauft. Für die Stadt Schriesheim haben wir schon Ferienspiele für Kinder angeboten.

 

Welche Tätigkeiten übernehmen Sie nicht? Warum?

Wir übernehmen keine Aufträge, mit denen wir anderen die Arbeit wegnehmen würden. Allerdings machen wir da manchmal auch eine Ausnahme. So haben wir schon einer alten Dame geholfen, die Dienstleistungen nicht mehr bezahlen konnte. Wir machen nichts, was wir nicht dürfen und wofür wir nicht ausgebildet sind, geben also keine Spritzen oder teilen keine Tabletten aus. Schwere körperliche Arbeiten können wir nicht übernehmen, weil die meisten von uns schon gut über 60 sind. Und wir lassen uns nicht ausnützen. So wurden wir auch schon einmal von gut verdienenden Bürgern gebeten, morgens um sieben zum Schneeräumen vorbeizukommen.

 

Wie kamen Sie zum ASS Schriesheim? Wer sind Ihre Vereinskolleginnen und -kollegen?

Den ASS gibt es seit fünf Jahren. Er hat derzeit 66 Mitglieder, die in der Regel im Ruhestand leben. 90 Prozent von uns sind über 65 Jahre alt. Wir kommen aus allen Berufen. Zu uns gehören Elektroingenieure ebenso wie Buchhalter, Lehrer oder Pflegekräfte. 70 Prozent von uns sind Frauen. Wir wohnen alle in Schriesheim und beschränken unsere Tätigkeit auch auf unsere Gemeinde. Im strengen Sinne sind wir jedoch keine Einheimischen – diese gehen wohl eher in die traditionellen Vereine. Ich selbst habe als Chemiker gearbeitet und bin vor 32 Jahren zugezogen. Als ich in den Ruhestand getreten bin, habe ich zuerst Vorlesungen an der Uni Mannheim besucht. Ich hatte aber den Antrieb, Menschen zu unterstützen, und habe mit einem Freund zusammen die Gründungsidee für den ASS entwickelt. Unser Bürgermeister war gleich Feuer und Flamme. Wir vom ASS wollen die Menschen in unserer Gesellschaft unterstützen, die Hilfe brauchen.

 

Geben Ihnen die Menschen, für die Sie arbeiten, auch etwas zurück?

Es gibt da den schönen Begriff des „Ehrenamtsegoisten“. Wir würden wohl kaum für andere arbeiten, wenn wir nicht auch einmal ein Dankeschön oder andere positive Rückmeldungen bekämen. Wichtige Antriebe sind für uns – in dieser Rangfolge – Freude, Dankbarkeit und auch das gute Gefühl, gebraucht zu werden.

 

Stichwort Vernetzung: Wer sind Ihre Partner?

Vielleicht kann man es ein „Netz“ nennen, wenn beispielsweise Pflegeeinrichtungen oft von sich aus auf uns zukommen. Wir haben diverse gute Beziehungen: zum Bürgermeister, zur Verwaltung, zu den politischen Parteien, dem Gemeinderat, der regionalen Presse, dem Gemeindeblatt oder der Arbeiterwohlfahrt. Grundsätzlich nehmen wir kein Geld von der öffentlichen Hand an. Wir wollen keine Steuergelder und verlangen auch keine Mitgliedsgebühren, sondern finanzieren uns durch Spenden von Privatleuten und Unternehmen. So hat ein Bekannter bei seiner Geburtstagsfeier 700 Euro gesammelt, eine Rechtsanwaltskanzlei berät uns unentgeltlich, und eine Bäckerei spült unser Geschirr. Dies sind Kleinigkeiten, die uns sehr helfen.

 

Sie finanzieren sich doch auch durch Preise bei Wettbewerben?

Stimmt. Bei Wettbewerben, die von Unternehmen und Stiftungen ausgeschrieben wurden, haben wir schon einmal 800 Euro gewonnen, ein anderes Mal 3000 Euro. Der große Wurf ist uns vor zwei Jahren gelungen, als uns die Hamburger Körber-Stiftung im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs „Engagement der Generation 50 plus“ 20 000 Euro zuerkannt hat. Das Geld ist da. Man muss sich umtun, braucht eine gute Idee und natürlich auch Glück.

 

Wie würden Sie die leitende Idee Ihres Vereins beschreiben?

Wir verfolgen zwei Ziele. Zum einen wollen wir als Senioren Menschen oder Einrichtungen helfen, zum anderen wollen wir Senioren die Möglichkeit geben, sich zu engagieren. Unser ältestes Mitglied war 86. In Zeiten des demographischen Wandels sehen wir uns Ältere als Teil nicht nur des Problems, sondern auch der Lösung. Was in Schriesheim möglich ist, wo 66 Menschen für 14 000 Einwohner da sein wollen, sollte doch auch in anderen Orten funktionieren. Wir haben unser Projekt auch schon in anderen Gemeinden vorgestellt. Es gab in Deutschland noch nie so viele, so gut ausgebildete, so gesunde und wohlhabende Senioren wie heute. Der ASS will ihnen eine Art Ehrenamtsbörse anbieten – mit einem breiten Spektrum an Tätigkeiten, das hoffentlich viele Interessenten anspricht.

 

Wohin wendet sich jemand, der im ASS Schriesheim mitarbeiten will?

Unser Büro hat jeden Mittwoch von zehn bis zwölf Uhr geöffnet. Genaueres zu den Kontaktmöglichkeiten nennt unsere Website: www.ass-schriesheim.de.

 

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Zur Person

Karl Reichert-Schüller wurde 1946 in Nürnberg geboren. Nach dem Abschluss seines Chemiestudiums an der Universität Erlangen-Nürnberg zog er nach Schriesheim und arbeitete bei Roche Diagnostics in Mannheim. Reichert-Schüller ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und pflegt in seiner Freizeit das Joggen, Radfahren und Lesen.

Sokoll: Administrator
Letzte Änderung: 07.01.2013
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