Dr. Franziska Polanski

Zur Person

Marsiliuskolleg, Universität Heidelberg

 

Polanski Franziska

 

 

 

 

 

 

 

Interview vom 21. Dezember 2010 von Dr. Marion Bär

 

Frau Dr. Polanski, Sie sind Projektleiterin des Marsiliusprojekts „Altersbilder in Karikaturen deutscher Zeitschriften“. Außerdem beschäftigen Sie sich als Autorin satirischer Texte oder als Herausgeberin seit vielen Jahren mit den unterschiedlichsten Humordarstellungen. Wie sind Sie dazu gekommen, über das Alter in der Karikatur zu forschen?

In der komischen Kunst – der Komödie, der komischen Oper – haben sich bis heute die jahrhundertealte Figuren der sogenannten „komischen Alten“ gehalten. Denken Sie z.B. an den  Senex amans, den verliebten Alten, aus der antiken Komödie oder die Vecchi, Pantalone und Dottore, Gestalten der Commedia dell´arte, die dann bei Moliere weiterentwickelt zu den wunderbaren, hochkomischen Charakteren der Geizigen, eingebildeten Kranken und Haustyrannen wieder auftreten. In veränderter Form tauchen alle diese Herrschaften auch in heutigen Comedies oder Karikaturen wieder auf. Sie sind Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses und werden da je nach Bedarfslage herausgeholt und wieder hineingesteckt. Auf jeden Fall spielen sie noch eine Rolle. 

Wenn Sie nun daran denken, dass wir auf der einen Seite, das belegen wissenschaftliche Studien, in unserer Gesellschaft mittlerweile einen recht differenzierten Diskurs über das Alter haben, aber auf der anderen einen Umgang „mit dem Alter“, der vollkommen überholt ist, wie z.B. die Zwangsberentung mit plus minus 65 oder die Chancenlosigkeit bereits 50- oder teilweise sogar über 40jähriger auf dem Arbeitsmarkt, dann fragt man sich doch, was für ein Bild vom Altern hinter einem solchen Umgang mit dem Menschen steht. Welches Altersbild hat diese Gesellschaft? Welches Altersbild hat sie wirklich? Haben wir vielleicht in unseren „Hinterköpfen“ ein ganz anderes Altersbild als in unserem Bewusstsein ? Könnte es sein, dass die über Jahrhunderte lang überlieferten Altersstereotype aus der komischen Kunst auch heute noch unser Bild vom Alter beeinflussen?

Und um das herauszufinden, untersuchen wir im Projekt „Altersbilder in Karikaturen deutscher Zeitschriften“ ca. 3000 Karikaturen.

 

Sie sprachen die „Hinterköpfe“ an. Zeigen Karikaturen das, was man offiziell so nicht sagen würde, weil es nicht opportun ist?

Unter anderem. In Bildwitze gehen ja, wenn sie gut sind, immer große Anteile aus dem Unbewussten ein. Dasselbe gilt für das Lachen darüber. Wenn der Mensch über eine Karikatur lacht, können z.B. Gefühle, Ängste, Aggressionen, die wir uns nicht bewusst machen wollen oder können, eine Rolle spielen. Es gibt mittlerweile übrigens auch Untersuchungen aus der Neurobiologie, die sich mit der emotionalen Reaktion der Erheiterung durch Bildwitze beschäftigen.

 

Ihr Forschungsprojekt, das Sie derzeit am Marsiliuskolleg der Universität Heidelberg durchführen, trägt den Titel Altersstereotype im kulturellen Gedächtnis. Was verbirgt dahinter?

Es geht in diesem Projekt um Altersstereotype aus dem kollektiven Gedächtnis, die speziell die komische Kunst auf dem Theater und in der Karikatur reflektiert. Die komische Kunst wurde und wird ja in Deutschland immer noch – nicht nur in der Wissenschaft, auch im Kulturleben  – häufig vollkommen unterschätzt und deswegen links liegen gelassen.

 

Wie kann man Karikaturen wissenschaftlich auswerten?

Humor und Witz sind höchst komplexe Phänomene. Das Marsiliuskolleg bietet die ideale Möglichkeit für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, worüber ich mich sehr freue, denn sie ist für solch ein Projekt unbedingt nötig. Wir analysieren die Karikaturen z.B. mit inhaltsanalytischen Methoden, die eher den Sozialwissenschaften zuzurechenen sind, beziehen aber andererseits auch kunstgeschichtlich-hermeneutische Methoden ein oder greifen auf Erkenntnisse aus der Neurobiologie zurück.  

Bei der Analyse interessieren uns übrigens vor allem Karikaturen, die sich mit dem täglichen Leben beschäftigen und den Umgang mit dem Alter in den kleinen Details des Alltags zeigen. Diese Karikaturen lesen sich über die Zeit gesehen gleichsam als eine Geschichte der Emotionen, Einstellungen und Meinungen zum Thema „Alter“.

 

Können Sie einen ersten Einblick geben, wie die Karikaturisten mit dem Altern, dem Alter und den alten Menschen umgehen?    

Die Untersuchungen laufen noch, deshalb kann ich nur über Tendenzen berichten, die sich abzeichnen. Zunächst ist auffällig, dass alte Menschen, gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung, in den Karikaturen zahlenmäßig weit unterrepräsentiert sind, besonders wieder einmal die Frauen.  Weiterhin sind die Gruppe der über 80-Jährigen kaum vertreten. Und schließlich scheint sich zu bestätigen, dass vor allem sehr „alte“ negative Stereotype des Alters in den Karikaturen transportiert werden.

Wie wird das Alter dargestellt?

Zumeist natürlich über das körperliche Erscheinungsbild: Haare, Falten, Haltung et cetera. Aber es ist auch interessant, sich die sozialen Rollen anzuschauen, oder die Aktivitäten, in denen alte Menschen dargestellt werden. Ein Altersklischee, das sich z.B. fest etabliert hat, ist das Bild vom „Rentner auf der Parkbank“.

 

Einerseits sagen Sie, dass die Hochaltrigen kaum auftauchen, andererseits treffen die Bilder, die sie eben skizziert haben, ja noch am ehesten auf Menschen im sehr hohen Alter, also jenseits der 80, zu. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein. Die Dinge sind verschoben. Phänomene, von denen man heute sagen würde, sie treten vor allem im sehr hohen Lebensalter auf, werden in den Karikaturen der Altersgruppe der 60 bis 80jährigen zugeschrieben. Typische Situationen des aktiven, „jungen“ Alters finden sich dagegen bisher so gut wie gar nicht in den Karikaturen, obgleich sich hier zahlreiche Anknüpfungspunkte für Satire und Komik anbieten. Fitte 80-jährige Eltern, mit deren Aktivität 50-jährige Kinder kaum noch mitkommen zum Beispiel oder die Antiagingwelle et cetera, et cetera.

Zwischen den beiden Jahrgängen von Karikaturen, nämlich 2007 und 1960, die Sie untersuchen, liegt ein großer Zeitraum, in dem, so würde man aus Sicht der Gerontologie behaupten, sich das Bild vom Alter stark gewandelt hat. Zeigt sich das auch in den Karikaturen?

Nein. Bisher nicht. Momentan sehen wir, wie sich die alten defizitären Altersbilder in den Zeichnungen immer wieder weiter fortpflanzen.

 

Also gehen die Karikaturisten mit dem Alter hart ins Gericht! Zeigt sich darin nicht eine versteckte Abwertung des Alters in unserer Gesellschaft?

„Hart ins Gericht“ klingt fast wie ein Vorwurf. Die Karikaturisten greifen nur die Stereotype auf, die ohnehin da sind. Wenn die Bilder, mit denen sie arbeiten, nicht allgemein verständlich wären, nicht kollektiv geteilt würden, würde die Karikaturisten kein Mensch verstehen. Man kann daher nur feststellen, dass das uralte defizitäre Bild vom Alter und die dazugehörigen abwertenden Einstellungen die Karikaturisten und ihr Publikum offensichtlich immer noch stark bewegen. Aus der Psychologie wissen wir, dass Menschen häufig über das lachen, was ihnen Angst macht. Negative Altersstereotype müssen also, wenn sie sich mit Humor verbinden, nicht von vornherein „etwas Schlechtes“ sein, sondern können eine psychisch stabilisierende Funktion haben. Sie können helfen, mit bestimmten Phänomenen des hohen Alters, die offensichtlich weiterhin Angst machen – Gebrechlichkeit, Vergesslichkeit, Hilfsbedürftigkeit – umzugehen. Es ist die ureigenste Aufgabe des Satirikers solche Themen aufzugreifen. Man kann ihm das nicht vorwerfen.

 

Wie reagieren alte Menschen selbst auf diese Karikaturen?

Das ist eine sehr wichtige Frage, die wir gerne in einem weiteren Schritt untersuchen würden.  Ich nehme mal an, dass sehr viele ältere Menschen mitlachen werden.

 

Humor als Bewältigungsstrategie? Ist, trotz der Betonung der Potenziale und Stärken des Alters seitens der Wissenschaft, alt sein für viele Menschen auch heute „nichts für Feiglinge“?

Zumindest ändern sich die Gefühle, die sich mit dem Altern verbinden, offensichtlich nicht so schnell wie unser Bewusstsein hinsichtlich dieses Themas.

 

3.000 Karikaturen über das Alter – das macht neugierig! Haben Sie schon mal daran gedacht, diese Karikaturen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?

Ja. Ich hoffe, dass wir eines Tages eine Ausstellung zum Thema „Das Alter in der Karikatur“ realisieren können. Hierzu suchen wir derzeit Unterstützer. Ich bin sicher, sie könnte die Diskussion über das Thema Altern um einige sehr spannende Aspekte erweitern.

Frau Dr. Polanski, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Zur Person

 

Die Ärztin und Autorin Dr. Franziska Polanski ist sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst daheim. Sie studierte Medizin,  Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte und arbeitete mehrere Jahre als Assistentin des theatergeschichtlich bedeutenden Opernregisseurs Jean-Pierre Ponnelle. Bekannt wurde Franziska Polanski vor allem durch ihre satirischen Texte in der Süddeutschen Zeitung und Bücher im Bereich von Humor und Satire. Sie veröffentlicht in überregionalen Zeitungen und Zeitschriften, ist freie Mitarbeiterin verschiedener Rundfunk- und Fernsehanstalten und Autorin zahlreicher Bücher beim Ullstein Verlag. Unter anderem hat sie für Kabaretts wie die Leipziger Pfeffermühle oder die Münchener Lach- und Schießgesellschaft getextet. Sie war Herausgeberin von Humoranthologien beim Piper Verlag. Sie leitet derzeit ein Forschungsprojekt über Altersstereotype in der komischen Kunst am Marsiliuskolleg der Universität Heidelberg.

 

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 16.01.2012
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