Prof. Dr. Theo Hartogh

PHartogh Kl Seminarrof. Dr. Theo Hartogh
Universität Vechta

Interview vom 23. Oktober 2017 zum 37. NAR-Seminar "Warten auf..."
durchgeführt von Dr. Astrid Söthe-Röck

 

 

 

 

Prof. Hartogh, das Thema Ihres Vortrages im Rahmen des NAR-Seminars heißt „Musizieren im Alter. Miteinander musizieren – gemeinsam lernen“. Welche Bedeutung hat in Ihrem Themenfeld das Gemeinsame/ das Miteinander?

Musik ist ein Medium mit einer starken sozialen Komponente. Denken Sie an Bands, Chöre oder Orchester: Menschen synchronisieren sich und jedes Individuum trägt seinen Teil zu einem Ganzen bei. Anders als z.B. in einem Gespräch agieren die Musizierenden gleichzeitig und sind in Resonanz: Sie hören und reagieren aufeinander. In der Evolution des Menschen war dieser Aspekt des Gemeinsamen sicherlich ein entscheidender Impuls für die Entwicklung der Musik. Ob ein Wiegenlied oder ein Kriegsgesang – über Lieder konnten sich einzelne und Gruppen miteinander synchronisieren und Emotionen miteinander teilen.

Aktives Musizieren: Was verändert sich beim Musizieren mit zunehmendem Alter? Welche Faktoren haben einen Einfluss auf das Gelingen aktiven Musizierens im Alter? Und sprechen wir beim aktiven Musizieren nicht vor allem über die „jungen“ Alten?

Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit von körperlichen Beeinträchtigungen und das Lernen (fluide Intelligenz) wird langsamer. Aber diese Prozesse verlaufen interindividuell sehr unterschiedlich und es gibt viele Möglichkeiten, auftretende Beeinträchtigungen beim Musizieren durch Hilfen zu kompensieren (z.B. größere Notenschrift, Stützhilfen bei Streich- und Blasinstrumenten). Wichtige Faktoren für gelingendes Musizieren sind (in allen Altersphasen) intrinsische Motivation und optimale Rahmenbedingungen wie professionelle Anleitung und ein förderndes Umfeld.

Auch die Stimme ist Alterungsprozessen unterworfen und viele ältere Sängerinnen und Sänger haben Hemmungen, in einem Chor zu singen. Sie als Musikgeragoge empfehlen das Singen in jedem Alter: Welche positiven Effekte kann das Singen im Chor haben?
Erfolgreiche Chorprojekte für Ältere wie „High Fossility“ in Berlin oder die Silver locks zeigen, dass man durchaus noch im höheren Alter singen und erfolgreich in Konzerten mitwirken kann. Effekte des Singens sind in biografischen und physiologischen Studien gut erforscht und die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Singen steigert das Wohlbefinden, vertieft die Atmung, forciert die Ausschüttung von Endorphinen, um nur einige Effekte zu nennen. Neben diesen Wirkungen für den einzelnen ist die Förderung und Intensivierung sozialer Kontakte unbedingt zu nennen; ältere Menschen führen übrigens bei Befragungen den sozialen Aspekt beim Musizieren als Beweggrund häufiger an als Kinder und Jugendliche.

Wie sieht es mit musikalischen Lernfähigkeiten im Alter aus: Kann ich im Alter Neues mit meinem Instrument lernen oder auch ein neues Instrument beginnen?

Selbstverständlich kann man noch im Alter ein Instrument erlernen, schauen Sie sich die einschlägigen Studien und die rasant steigenden Zahlen älterer Schülerinnen und Schüler an den deutschen Musikschulen an; für aktives Musizieren ist es nie zu spät! Und auch unter dementiell veränderten Menschen gibt es Musikinteressierte, die durchaus noch musikalisch Neues erlernen können!

Musik wird gerne als Schlüssel zum Menschen mit Demenz bezeichnet. Wie könnte dieser Schlüssel funktionieren und was genau wird erschlossen?

Wer mit dementiell veränderten Menschen musiziert, ist immer wieder erstaunt, wie trotz der kognitiven Beeinträchtigungen Lieder, die in der Kindheit und Jugend erlernt wurden, noch präsent sind und fehlerfrei gesungen werden. Hier liegt ein großer Schatz, der bei richtiger Anleitung gehoben werden kann. BetreuerInnen und AnleiterInnen sind hier wie Detektive: Wenn sie die richtigen Lieder und Stücke – selbstverständlich auch Schlager oder Instrumentalwerke – anstimmen bzw. spielen, können sie mit Demenzbetroffenen musizierend in Dialog treten. Und sie ermöglichen ihnen auf der anderen Seite, über das Musizieren oder Bewegungen zur Musik ihre Identität zu zeigen, was sprachlich häufig gar nicht mehr gelingt. Und das Singen und Musizieren ermöglicht es, Emotionen (wieder) zu erleben und auszudrücken, die mit der jeweiligen Musik biografisch verbunden sind.

Das Thema Musik im Alter und mit Demenz wird in der Öffentlichkeit und in Medien durchweg sehr positiv beschrieben. Mit Musik sind dabei viele Hoffnungen verbunden. Wie erklären Sie das und sind diese Hoffnungen berechtigt?

Es werden immer mehr Erfahrungsberichte und Studien zur positiven Wirkung von Musik auf dementiell erkrankte Menschen veröffentlicht. Es gibt Nachweise, dass ganz konkret Symptome wie agitiertes Verhalten beeinflusst werden können, aber auch insgesamt das Wohlbefinden gesteigert wird. Und darum geht es doch eigentlich: So normal wie möglich leben und sich an Musik erfreuen zu können – genauso wie orientierte Menschen. Singen, ein Instrument spielen, bewegen zur Musik ... Musizieren und Freude an der Musik sind etwas Normales, das ich auf so viel unterschiedlicher Weise praktizieren und mit anderen Menschen teilen kann, egal ob als orientierter oder dementiell veränderter Mensch – und das lässt hoffen!

Mittlerweile liegen viele Beschreibungen von einzelnen alten und/ oder an Demenz erkrankten Menschen vor, die trotz körperlicher und/ oder kognitiver Einschränkungen enorme musikalische Leistungen zeigen. Was macht die Wahrnehmung eines musizierenden an Demenz erkrankten Menschen mit mir, dem Beobachter? Was sagt das ggf. über unser Bild vom Alter (mit Demenz) aus?

Das Muszieren mit dementiell veränderten Menschen zeigt uns erst einmal, dass ein Betroffener mehr ist als ein Demenzkranker: Er ist eine Person, die durchaus noch Kompetenzen und Ressourcen besitzt, für den Bereich der Musik habe ich das ja bereits beschrieben. Beobachter und Menschen, die mit Demenzbetroffenen musizieren, erleben, das Musik etwas zutiefst Menschliches ist, ein Medium, das Menschen über Alters- und Kulturgrenzen, aber auch ungeachtet von Krankheiten und Beeinträchtigungen wie Demenz, verbindet und die Möglichkeit bietet, Emotionen und Erinnerungen intensiv zu erleben und auszudrücken. Und viele GruppenleiterInnen schildern, dass aus diesen Gründen für sie selbst auch das Musizieren mit Demenzbetroffenen so bereichernd ist. Das muss keine Musik der Hochkultur sein, das kann auch ein einfaches Volkslied sein. Aus Perspektive der Musik sollten wir Demenzbetroffene nicht als demenzkranke, sondern als Personen mit Demenz wahrnehmen.

Die Anzahl alter und damit auch an Demenz erkrankter Menschen steigt stetig. Was brauchen wir, um zukünftig die positiven Wirkungen von Musik für den alten und ggf. an Demenz erkrankten Menschen nachhaltig und fundiert nutzen zu können?

Ich sehe vor allem zwei Aspekte: Wir müssen gesellschaftlich ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickeln, dass Musik – nicht nur für Demenzbetroffene – reale Möglichkeiten bietet, das Wohlbefinden zu steigern, Emotionen zu erleben und mit Gleichgesinnten gemeinsam etwas Sinnvolles und Erfüllendes zu tun. Damit es mehr Musikangebote für dementiell veränderte Menschen gibt, müssen Musiker, Musiktherapeuten, Musikpädagogen und -geragogen, Sozialpädagogen, Pflegende und andere Fachkräfte in ihrer Ausbildung und in Fort- und Weiterbildungen für dieses Thema sensibilisiert und bezogen auf ihre jeweiligen Profession Möglichkeiten kennenlernen, wie sie Musik sinnvoll in ihrer Arbeit mit Demenzbetroffenen einsetzen können. Musikalische Aktivitäten reichen vom Summen eines Liedes bei der Körperpflege bis zu regelmäßigen Musizierangeboten in Alteneinrichtungen oder zu Hause – auch zusammen mit Kindern und/oder Angehörigen. Hier gibt es ein breites Feld von Einsatzmöglichkeiten der Musik.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 27.10.2017
zum Seitenanfang/up