Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wildor Hollmann

Zur Person

Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, Deutsche Sporthochschule Köln

 

Hollmann; Fotos von Michael Doh, NAR

 

Interview vom 30. Juni 2009 mit Dr. Andreas Lauenroth

 

Viele Menschen haben den gesundheitlichen Nutzen von körperlicher Aktivität bereits erkannt und sind sportlich aktiv. Wo können sich diejenigen informieren, die sich für eine sportliche Aktivität interessieren?

Man kann das heutzutage über eine Vielzahl von geeigneten, für den Nichtfachmann geschriebenen Büchern machen. Darüber hinaus auch mit den entsprechenden Fragestellungen im Internet. Und schließlich gibt es ja genügend Sportärzte, Sportvereine oder Fitnesszentren mit Trainern oder geeigneten Diplomsportlehrern, die durchweg nicht zuverlässig aber durchweg doch eine genügend gute Information vermitteln können.

 

Was würden Sie älteren Menschen empfehlen, die sich ganz spezifisch vorgenommen haben, etwas für ihre Gesundheit zu tun?

Wir müssen heutzutage angesichts der zunehmenden Lebenserwartung streng zwischen einem sogenannten dritten und einem vierten Lebensabschnitt unterscheiden. Der dritte Lebensabschnitt reicht vom 60sten bis 80sten Lebensjahr, der vierte vom 80sten bis quasi unendlich und danach richten sich auch Qualität und Quantität der Anforderung. Personen des dritten Lebensabschnitts sind heutzutage oft so fit wie gesunde Menschen des 30sten oder 40sten Lebensjahres.
Optimal wäre eine mindestens dreimalige körperliche Betätigung von jeweils 30- 90 minütiger Dauer im Sinne von Gehen, Wandern, ganz langsamer Dauerlauf- also keinesfalls schneller Lauf- Schwimmen, Rad fahren, Skilanglauf, Treppen steigen. Vor allen das Treppen steigen sollte erwähnt sein, denn wenn man z. B. in einem ganz langsamen gemütlichen Treppengehtempo 180 Stufen am Tag zurücklegt, dann ist alles was darüber hinausgeht selbst für eine Person im dritten Lebensjahrzehnt einen Trainingseffekt. Wenn ich z. B. 400 Treppenstufen zurücklege, entspricht das etwas einem 15 bis 20 minütigen Joggingeffekt.

 

Warum wird der Stellenwert der körperlichen Aktivität als Gesundheitsfaktor heutzutage noch immer unterschätzt?  

Inwieweit der unterschätzt wird heute, hängt natürlich vom Informationsstand der Leute ab. Wer wenig informiert ist, mag das unterschätzen, zumal dann, wenn er keinen Hang zur körperlichen Betätigung hat, was vor allem übergewichtige oder adipöse Personen betrifft. Alles andere ist ein Defizit an Informationen. Wenn ich daran denke, in den 50er Jahren hat viel begonnen mit experimentellen Untersuchungen zu der Frage: Welche gesundheitliche Auswirkung hat eine mehrtägige absolute Bettruhe und das Gegenteil, welche gesundheitliche Auswirkung hat 3min, 5min, 10min körperliches Training pro Tag. Das war damals zu einer Zeit, als der weitaus größte Teil der deutschen Ordinarien für innere Medizin, jede Form körperlicher Betätigung als für die Gesundheit unbedeutend ansah. Für die Leistungsfähigkeit natürlich gut aber für die Gesundheit unbedeutend, mehr oder weniger sogar Sport ablehnend. Das hat sich natürlich heute alles gewaltig geändert.

 

Können Sie beschreiben warum eine körperliche Aktivität im Alter gerade für das Gehirn so wichtig ist?

Ich würde nicht unbedingt sagen - gerade für das Gehirn- denn es ist natürlich extrem wichtig für Herz, Kreislauf, Atmung, Stoffwechsel, Immunsystem. Nur, bis zum Jahr 1985 wusste man weltweit nichts von Auswirkungen körperlicher Bewegung auf das menschliche Gehirn. Der Grund, es gab keine Untersuchungstechniken, Apparaturen, Instrumentarien, die uns den Zugang dieser Frage gestatteten. Das änderte sich mit den Jahr 1985, in dem sogenannte bildgebende Verfahren eingeführt wurden. Wir haben dann in Verbindung mit dem Max-Plank-Institut für Gehirnforschung in Köln und mit der Kernforschungsanlage in Jülich experimentelle Untersuchungen, unter anderen unter Einsatz dieser neuartigen Apparaturen durchgeführt und haben auch die weltweit ersten Publikationen herausgebracht mit der Frage: Was bringt unterschiedlich dosierte Fahrradergometerarbeit für die Durchblutung des menschlichen Gehirns und was bringt es für den regionalen Stoffwechsel des menschlichen Gehirns? Dabei konnte gegenüber dem damaligen Wissensstand überraschend festgestellt werden, dass jede körperliche Bewegung in den dafür zuständigen Gehirnabschnitten signifikante, also hocheindeutige Durchblutungszunahmen auslöst. Gleichzeitig ändert sich qualitativ das Stoffwechselgeschehen. Wenn man diese Dinge gemeinsam betrachtet, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass hierdurch Voraussetzungen geschaffen werden für die heute bekannte Neubildung von Blutgefäßen im Gehirn, Zunahme von Zahl und Qualität der Nervenverbindungen, der sogenannten Synapsen. Wachstum der Nervenfasern, Vermehrung der sogenannten Spines – das sind kleine Dornen, mehr oder weniger die einzigen Orte des menschlichen Kurzzeitgedächtnisses – und vor allem kommt es zu einer verstärkten Neubildung von Nervenzellen im Gehirn. Das war bis 1998 als völlig unmöglich angesehen. Es war eine schwedische Arbeitsgruppe, die diesen letzteren Befund erarbeitete.

 

An wen sollte ich mich wenden, wenn ich mit einer sportlichen Aktivität beginnen möchte? Wer sind die Ansprechpartner?

Der wichtigste Ansprechpartner sollte der Sportarzt sein. Der Sportarzt aus dem Grunde: Wenn man älter als 40 ist und Jahre keine Form von Training betrieben hat, sollte man sich grundsätzlich zunächst einer eingehenden körperlichen, nicht nur Gesundheits-, sondern auch Leistungsuntersuchung unterziehen, damit eventuell unbekannt vorhandene Veränderungen sich nicht gesundheitlich negativ während des Trainings, während der Belastung äußern. Wenn das geschehen ist, dann kann man diesen betreffenden Sportarzt nach den Details fragen, wie soll die Qualität, die Quantität, die Intensität, die Zahl der Wiederholungen bei dem Training sein? In Ergänzung von dem eben genannten Geh- Wandern- Lauftraining sollte zugefügt werden: Gerade für den älteren Menschen und zwar jetzt speziell so ab etwa dem 50sten -60sten Lebensjahr aufwärts, beginnt auch Krafttraining eine Rolle zu spielen. Die Kraft der Muskulatur und als Ursache die biochemische Zusammensetzung und die Zahl der Muskelfasern verändern sich gewaltig mit zunehmenden Alter und das kann man wunderbar durch Training, zwar nicht vermeiden, aber in der Geschwindigkeit der Abbauprozesse reduzieren. Deswegen auch ein Krafttraining, obwohl Krafttraining nichts Nennenswertes bringt für Herz, Kreislauf, Atmung.

 

Einige Aktive zeigen bis ins höhere Alter eine enorme Leistungsfähigkeit. Was sind die Voraussetzungen dafür, bis ins Alter fit und aktiv zu sein?   

Das momentane Spitzenbeispiel ist ein 93jähriger aus Kanada, der die Marathonlaufzeit in 5Std 20min bewältigt. Als 93jähriger! Es gibt ja manche 20-30jährige, die heilfroh wären, wenn sie überhaupt in der Zeit über die Strecke kämen und nicht vorher abbrechen. Die Dinge hängen von 3 Faktoren ab. Erstens das man ein regelmäßiges, körperliches Training betreibt, zumindest jenseits des 70ten bis 80sten Lebensjahres wenn man darüber hinaus ist. Das Training vorher ist nahezu unbedeutend. Es kommt darauf an, dass man in den letzten Jahren ein Training betrieben hat, dass sich auf das hohe Lebensalter bezieht, in dem man sich befindet. Der nächste Gesichtspunkt ist das Erbgut, das der Betreffende mitbringt. Dem Erbgut kommt für die Leistungsfähigkeit beim älteren oder alten Menschen eine Bedeutung in einer Größenordung von 30 bis 40% zu. Und der dritte Punkt ist, dass man ein körperlängebezogenes, normales Körpergewicht beibehält. Das heißt, dass man einen BMI von 25 bis 26 nach Möglichkeit nicht überschreitet. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, dann ist man optimal dran.

 

Also spielt die sportliche Biografie dabei eher eine untergeordnete Rolle?

Völlig untergeordnet! Ganz im Gegenteil, das Kuriose ergibt sich oft, dass ehemalige Spitzensportler in den verschiedensten, auch in den Ausdauersportarten, wenn sie mit 30, 40 den Sport an den berühmten Nagel gehängt haben, eventuell mit 80 einem, der vor 10 Jahren mit dem Training begonnen hat, haushoch unterlegen sind.

 

Wie kann eine körperliche Aktivität das Alltagsleben eines Demenzpatienten beeinflussen?

Es kommt auf jeden Fall zu einer Stimmungsverbesserung. Jede körperliche Aktivität bewirkt biochemische Veränderungen im Gehirn, die einer Stimmungsverbesserung dienlich sind. Gleichzeitig kann damit eben ein Fortschreiten der Krankheit nicht vermieden werden, wohl aber wird ihm eben intensiv entgegen gewirkt. Darüber hinaus behält der Betreffende seine Kontrolle über seinen eigenen Körper- im Hinblick auf Koordination, Gelenkigkeit und Kraft.

 

Sie sind ja selbst im 85. Lebensjahr und noch kein bisschen müde. Wie halten Sie sich denn persönlich fit?

Ich habe bis vor kurzer Zeit 4 Stunden wöchentlich Tennis gespielt, immer Montags und Donnerstags von 22:00 bis 00:00 Uhr nachts, weil ich ja heute noch eine 80 Stunden Arbeitswoche habe. Nachdem aber meine Doppelpartner verstorben sind, hat mir das die Freude genommen.

Ich habe seit mittlerweile 15 Jahren mein Arbeitszimmer unterteilt in zwei getrennte Räume, die 30 Treppenstufen voneinander getrennt sind. Ich bin dann 10 bis 15 Mal, in Ausnahmefällen auch mal an die 20mal, gezwungen, die beiden Räume zu wechseln. Dadurch komme ich auf 400 bis 450 Treppenstufen am Tag, und es wurde ja vorher schon die bedeutende Trainingswirkung von Treppensteigen genannt. Da das täglich ist, egal ob Alltag oder Samstag, Sonntag – sind für mich wie jeder Wochentag – kann man sich natürlich prima fit fühlen. Ich kann heutzutage tun und lassen, was ich will – keine Beeinschränkungen, keine Schmerzen, mir tut nichts weh. Mir ist völlig klar, dass ich dem lieben Gott nur dankbar dafür sein und dass sich morgen schon ändern kann.

 

Zur Person

Wildor Hollmann gilt als der Vordenker der heutigen Sportmedizin. Seit knapp 60 Jahren widmet er sich mit Leib und Seele sportmedizinischen Fragestellungen. Im Jahre 1949 begann Prof. Hollmann mit der experimentellen Forschung. Er promovierte 1954 über die Spiroergometrie (Diagnostik mitttels Fahrradergometer), die in den folgenden Jahren zunehmend als klinisches Routineuntersuchungsgerät eingesetzt wurde. Nach seiner Habilitation 1961 erhielt er 1965 den Ruf auf einen Lehrstuhl für Kardiologie und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln, dem er ein Jahr darauf folgte. Hollmann gründete 1958 das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Sporthochschule Köln und behielt dessen Leitung bis 1990. Die Sportmedizin verdankt Prof. Hollmann die Einführung der fahrrad-ergometrischen Spiroergometrie mit paralleler Blutdruckmessung ebenso wie die "aerob-anaerobe Schwelle" - das meiste benutzte Kriterium der Leistungsdiagnostik. Seiner Forschungstätigkeit zeigt sich in mehreren hundert Publikationen sowie der Betreuung von ca. 190 Doktorarbeiten.

Darüber hinaus war er für eine große Zahl nationaler und internationaler Fachzeitschriften und -verbände tätig. Für seine Verdienste als Wissenschaftler wurde Prof. Hollmann mit zahlreichen Forschungsauszeichnungen im In- und Ausland geehrt. Nach seiner Emeritierung 1990 blieb Hollmann bis heute der Forschung und Lehre treu. Seine Hauptinteressen liegen im Zusammenspiel von Gehirn, Psyche und körperlicher Aktivität.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 21.05.2014
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