Prof. Dr. Dr. h.c. Konrad Beyreuther

Zur Person

Gründungsdirektor des Netzwerkes AlternsfoRschung (NAR)
Konrad Beyreuther

Interview vom 21. März 2007 mit Dr. Birgit Teichmann

 

Als erstes möchten wir von Ihnen als Alzheimer-Spezialisten natürlich wissen, ob die Forschung in Bezug auf die Behandlung der Alzheimer-Demenz Fortschritte erzielen konnte.

Wir arbeiten seit 25 Jahren über die Moleküle, die an der Alzheimer Krankheit entscheidend beteiligt sind und nach diesen 25 Jahren kann ich zusammenfassend feststellen, dass wir ganz enorm vorangekommen sind. Im Wesentlichen ist dieser Fortschritt auf das Verständnis der im Gehirn ablaufenden Veränderungen und die darauf aufbauende Entwicklung von Tiermodellen zurückzuführen, die die charakteristischen Eiweißablagerungen der Alzheimer Krankheit ausbilden. Diese Tiermodelle erlauben nun unsere Ideen zur Diagnose und Therapie, die wir zuerst in Zellkulturen oder im Reagenzglas entwickelt haben, zu überprüfen.

 

Es heißt, je früher man die Krankheit erkennt, desto besser die Chancen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Gibt es mittlerweile Früherkennungsprogramme?

Früherkennung ist tatsächlich das wesentlichste Element, das wir vorantreiben müssen. Die Krankheit verläuft in drei Phasen, jede dauert etwa drei Jahre. Bereits im ersten milden Stadium sind bereits 70% der für die Gedächtnisbildung wichtigen Nervenzellen geschädigt. Im darauf folgenden zweiten mittelschweren Stadium sind es bereits 90%. Da heißt, wir müssen möglichst früh diagnostizieren, um noch rechtzeitig eingreifen zu können. Ein leeres Gehirn ist nicht therapierbar! Früh bedeutet, möglichst noch vor dem milden Stadium zum Zeitpunkt der leichten kognitiven Störung (LKB). Etwa 70% der Menschen, die diese Diagnose erfahren, sind spätestestens nach 5 Jahren Alzheimer Patienten geworden. Zur Sicherung dieser ansonsten schwierigen frühen Diagnose haben wir einen biologischen Test entwickelt, der auf seinen Einsatz wartet. Übrigens waren alle Therapiestudien, die ich kenne, nur bei diesen LKB-Patienten erfolgreich.

 

Was für Medikamente sind derzeit auf dem Markt, um die Eiweißablagerungen im Gehirn zu verhindern oder zu reduzieren?

Es werden derzeit etwa 100 Wirkstoffe auf ihre Eignung getestet, den Alzheimer Prozess zu verlangsamen oder gar zu stoppen. Zur Behandlung zugelassen sind derzeit vier Wirkstoffe, die alle die Lebensqualität der Patienten verbessern, aber den Krankheitsprozess nicht aufhalten können. Es gibt aber eine Reihe von Substanzen, die für andere Erkrankungen zugelassen sind, die sich bei Alzheimer in kleinen klinischen Studien als hoch interessant erwiesen haben, wie zum Beispiel die Cholesterinsynthese hemmende Mittel, Entzündungshemmer, Heparin-ähnliche Substanzen sowie Substanzen, die zu den Mikronährstoffen gehören, wie die Folsäure und die Omega-3 Fischöle.

 

Es werden immer neue Impfstoffe entwickelt, jüngster Erfolg ein Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs. Ein Impfstoff gegen Alzheimer-Demenz ging auch schon durch die Presse, jedoch gab es erhebliche Nebenwirkungen. Ist ein neuer Impfstoff in Aussicht?

 

In einer „Alzheimer Impfung“ sehen viele Alzheimerforscher einen möglichen Durchbruch. Ich komme gerade von einem internationalen Kongress, an dem über 2000 Alzheimer und Parkinson Forscher teilgenommen haben. Auf diesem Kongress wurde über Erfolge und Misserfolge der „Alzheimer Impfung“ sehr intensiv diskutiert. Grundsätzlich wird es wohl zwei unterschiedliche Impfansätze geben, den der aktiven und den der passiven Impfung. Bei der aktiven Impfung bildet der Patient selbst die Abwehrstoffe. Bei der passiven Impfung wird der Abwehrstoff selbst eingesetzt, was leider sehr teuer ist. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand können beide Verfahren zu Komplikationen wie Hirnblutungen oder Hirnhautentzündungen führen. Letzteres wird nur einen kleinen Teil der Patienten betreffen, die es zu identifizieren gilt und dies ist nur eine Frage der Zeit, denn die Ursache der Komplikationen ist bekannt.

 

Was kann man selbst tun, um die Krankheit zu verhindern oder zumindest den Krankheitsverlauf zu verzögern? Sie erwähnten schon die Omega-3-Fettsäuren. Wer mindestens einmal die Woche Fisch oder Meeresfrüchte isst, reduziert das Risiko an Alzheimer zu erkranken.

Die Lebensführung spielt bei allen alterns-assoziierende Erkrankungen, zu den auch die Alzheimer Krankheit gehört, die ganz große Rolle. Geistige Beweglichkeit in Form von lebenslanger Neugierde ist bei Alzheimer ebenso wichtig wie das Versorgen des Gehirns mit dessen wichtigsten Mikronährstoffen. Ich erwähnte bereits, dass im Körper von Alzheimer Patienten zu wenig Folsäure und zu wenig Omega-3-Fettsäuren nachgewiesen werden kann. Bei den Omega-3-Fettsäuren, die typischerweise in Pflanzenölen, wie Leinöl, Rapsöl und allen Nussölen vorkommen, sind besonders die Fischöle für das Gehirn sehr wichtig. Dies wurde eindrucksvoll mit einer im Oktober 2006 veröffentlichten klinischen Studie aus Schweden gezeigt. Der Krankheitsverlauf von Alzheimer Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, die täglich 2,3 Gramm der Fischöle DHA und EPA zu sich nahmen, wurde gestoppt oder zumindestens verlangsamt. Ob diese an 32 Patienten erhoben Befunde sich verallgemeinern lassen, können jedoch nur große Studien mit Tausenden von Patienten zeigen.

 

Heute leiden ca. 1,2 Mio Menschen in Deutschland an einer Demenzerkrankung, wobei die Alzheimer Demenz mit 60-80% die bei weitem häufigste dementielle Erkrankung ist. Durch die steigende Lebenserwartung rechnet man bis ins Jahr 2050 mit etwas 2,3 Mio Demenzkranken. Wie sehen Sie diese Zahlen?

Die Zahl der Alzheimer Patienten in Deutschland kann nur geschätzt werden, da eine Diagnosestellung, wenn überhaupt, sehr spät erfolgt. Das hat verschiedene Gründe. Der Patient und seine Angehörigen haben Angst vor dieser Diagnose und der Arzt fürchtet seinen Patient zu verlieren, wenn er die Diagnose Alzheimer stellt. Wenn ich die einigermaßen verlässlichen amerikanischen Zahlen zugrunde lege komme ich auf etwa 1,2 Millionen Alzheimer-Patienten in Deutschland. Diese Zahl wird sich bis zum Jahr 2050 mindestens verdoppeln. Grund ist die Zunahme der Lebenserwartung. Das sagen die Statistiker voraus und aus heutiger Sicht auch mit Recht. Ich als experimenteller Wissenschaftler glaube nicht, dass das zutreffen muss. Wie bereits erwähnt, wissen wir heute schon recht viel über Möglichkeiten, sich vor „Alzheimer“ zu schützen. Bis 2050 werden wir auch wissen, welche der 100 Medikamenten-Hoffnungsträger den Krankheitsprozess verlangsamen oder aufhalten. Ich halte es für durchaus möglich, dass die Zahl der Alzheimerkranken in Deutschland in 50 Jahren - gegenüber heute - eher niedriger sein wird, vorausgesetzt wir sind willens in die Alzheimer- und Alternsforschung weiterhin intensiv zu investieren!

 

Sie sind Gründungsdirektor des NAR, des Netzwerks Alternsforschung. Im NAR arbeiten Wissenschaftler aus den Bereichen Biologie, Medizin, Soziologie und Ökonomie zusammen. Was versprechen Sie sich in Bezug auf die Erforschung der Alzheimer Krankheit von dieser Zusammenarbeit?

Für mich ist es faszinierend, dass Altern ganz schwer zu definieren ist. Die Menschen altern verschieden, der Alternsprozess ist noch nicht messbar und deshalb werden Alterns-assoziierte Krankheit benutzt, um Altern zu studieren. Das ist sicher legitim, aber Altern ist nicht unbedingt identisch mit Krankheit, sondern die Summe der Schädigungen, die das Leben in unserem Körper hinterlässt. Es hat sich gezeigt, dass nahezu alle Prozesse, die heute in der Biologie studiert werden, Schwachstellen aufweisen und langfristig keinesfalls perfekt ablaufen. Deren Kenntnis kann zum Verständnis des Alterns beitragen. Deshalb ist die Exzellenz besonders in der Molekularbiologie und zellulären Biologie, die den Heidelberger Standort auszeichnet, ideal für die Etablierung des NAR. Für mich war es deshalb logisch, insbesondere den biologischen-medizinischen Bereich, der in Heidelberg bisher noch nicht auf das Thema Alternsforschung fokussiert war, zusammenzuführen und die Forscher, die hier Wesentliches dazu beitragen können, an einen Tisch zu bringen mit den Leuten, die bereits als Experten ausgewiesen sind – das sind die Soziologen um Herrn Kruse, das sind die Epidemiologen um Herrn Brenner und das sind die Ökonomen um Herrn Börsch-Supan. Ich denke, dass wir beste Chancen haben zu einem Weltzentrum der Alternsforschung zu werden und davon wird insbesondere die in Heidelberg traditionell starke Alzheimer Forschung profitieren.

 

Und was hat der Bürger davon?

Wissenschaft ist sehr teuer und braucht viele Steuergelder. Das muss dem Bürger erklärt werden, indem man ihm sagt, was er davon hat. Die Alternsforschung zeigt ganz klar, dass es eine Eigenverantwortung des Bürgers gegenüber seinem Körper gibt. Diese Eigenverantwortung kann er aber nur wahrnehmen, wenn er zeitnah über die neuesten Forschungsergebnisse informiert wird. Das Netzwerk Alternsforschung wird ein Kolleg aufbauen, in dem ausgebildete junge Wissenschaftler, die in die Öffentlichkeitsarbeit gehen wollen, eine zusätzliche Ausbildung bekommen. Während dieser Zeit werden sie praktisch als Übersetzer für die wissenschaftlichen Ergebnisse für die Öffentlichkeit funktionieren. Ich sehe darin eine Verantwortung des Netzwerkes gegenüber dem Bürger und die Chance auf diese Weise möglichst schnell Forschungsergebnisse in die Hand des Bürgers geben können.

 

Zur Person

Konrad Beyreuther, geboren 1941, Direktor, Forscher und Bundesverdienstkreuzträger, Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, als Staatsratmitglied der Baden-Württembergischen Landesregierung vom Februar 2001 bis Juni 2006, war entscheidend an der Entdeckung der chemischen Struktur der charakteristischen Amyloid-Ablagerungen der Alzheimer Krankheit und dessen Gen beteiligt. Beyreuther wurde dafür vielfach geehrt, zuletzt mit dem "Lennox K. Black International Prize for Excellence in Medicine", der ihn im November 2006 zusammen mit seinem langjährigen australischen Kooperationspartner Colin L. Masters von der Thomas Jefferson University, Philadelphia verliehen wurde.

Körperliche und geistige Beweglichkeit in Form von nie erlahmender Neugier – sowie eine ausgewogene Ernährung, die reich an Vitamine und Omega-3 Fettsäuren ist, hält er ohne das Genießen zu vernachlässigen, für die beste Alzheimer Vorbeugung.

Dem Musikfestival "Heidelberger Frühling" fühlt sich der Musikliebhaber Beyreuther als Vorsitzender des Freundeskreises besonders verbunden.

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 21.05.2014
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