Dipl.-Ing. Nicole Baumüller

Zur Person

AKBW SRL-Regionalgruppensprecherin Baden-Württemberg

 

Baumueller Nicole
 

 
 
 
 
 
 
Interview vom 26. März 2014 von Alina Vandenbergh

 

Warum ist es wichtig die Auswirkungen des Klimawandels  in der Stadtplanung zu berücksichtigen?

Der Klimawandel schreitet voran und die Folgen wie Hitzewellen, Hochwasser- und Starkregenereignisse werden in den nächsten Jahrzehnten immer stärker spürbar werden. Da ein Großteil der Menschen in Städten lebt und so unmittelbar von den Auswirkungen betroffen ist, sind besonders die Städte herausgefordert, ihre Bewohner, Gebäude, Infrastrukturen und Freiräume gegen mögliche negative Klimafolgen zu schützen. Und dies am besten schon heute, da sich Städte nicht binnen kurzer Zeit umbauen lassen. Klimafolgen wirken sich in den Städten ungleich aus, da Städte durch ihre Lage sowie stadtklimatischen und stadtstrukturellen Kontext unterschiedlich verletzlich sind. Dies gilt es vor Ort zu analysieren und dafür geeignete Anpassungsstrategien zu finden. Die Städte sind also bei der Anpassung an die Klimafolgen die zentralen Akteure. Die Stadtentwicklung mit ihren Aufgaben und Instrumenten ist hierfür besonders geeignet.

 

Sind Städte besonders von Hitzebelastung betroffen und wenn ja, warum?

Die durch den Klimawandel zunehmende Hitzebelastung  wirkt sich in den Städten intensiver aus. Dies liegt daran, dass Städte ein eigenes Stadtklima haben, welches grundsätzlich wärmer, trockener und windschwacher ist als im freien Umland. Die dichte Bebauung und Versiegelung führt zu einer Speicherung der Wärme in den Baumassen. Die aufgenommene Wärme wirkt dann nachts langsam abgegeben. Ausgleichende Faktoren wie verdunstungsaktive Grünflächen, die die Temperaturspitzen regulieren können sind zudem in Städten wesentlich geringer. Städte sind deshalb nachts besonders warm, was den Schlafkomfort mindern kann. Tagsüber sind die Temperaturunterschiede weniger stark ausgeprägt und es kommt auf die kleinräumige Klimasituation an, ob ein Ort in der Stadt als angenehm empfunden wird. So können beschattete Parkanlagen, Plätze mit Wasserspielen eine gute Aufenthaltsqualität trotz Hitze haben. Wichtig ist, dass sie für viele gut erreichbar sind.

 

Können Sie Beispiele für Städte in Deutschland nennen, für die dieses Thema besonders relevant oder weniger relevant ist und erklären warum das so ist?

Städte wie Berlin, Stuttgart, Freiburg, Dresden und Großstädte im Ruhrgebiet haben sich schon länger mit dem Phänomen Wärmeinsel und Maßnahmen in der Planung beschäftigt. Ein Grund dafür ist, dass heiße Sommer schon in der Vergangenheit eine Belastung waren. Hauptgrund dafür ist die meist lokalklimatische Lage, in die die Städte eingebunden sind - dies sind oft windschwache Gegenden. Nachteilig wirken sich auch Kessellagen aus wie zum Beispiel in Kassel, Stuttgart und Dresden. So ist für gut durchlüftete Küstenstädte wie Hamburg und Städte in Hochlagen die Hitze weniger von Relevanz, da es dort nicht so heiß und schwül wird. Der Klimawandel mit seinem Ausblick auf eine drastische Verschärfung der Situation in  den Sommermonaten alarmiert auch andere Städte sich diesem Thema frühzeitig zu widmen. In den letzten Jahren gab es einige Bundesforschungsprojekte zum Thema Klimaanpassung und Planung (KLIMZUG, KlimaMORO, KlimaExWoST), bei dem Regionen und Städte beteiligt waren.  Es hat sich abgezeichnet, dass neben Hochwasser und Starkregen Hitze ein zentrales Thema für die Stadtentwicklung ist.

 

Gibt es Vorbilder, an denen man sich bei der Stadtplanung zur Minderung der Hitzebelastung orientieren kann?

Städte, die das Thema ernst nehmen, müssen sich intensiv mit den Effekten des Stadtklimas und Mikroklimas und möglicher Maßnahmen zur Minderung von Hitze in Städten beschäftigen. Zudem müssen sie ihre Planungsinstrumente zielsicher einsetzen, um Maßnahmen verbindlich zu machen und rechtlich zu verankern. Die Landeshauptstadt Stuttgart gilt dabei als ein Vorbild für andere Städte, da diese seit Jahrzehnten Klimabelange in Planungsaufgaben einbindet und eine eigene Fachabteilung hat. Zudem informiert sie ihre Bürger über eine eigene Stadtklimaseite im Internet. Aber auch Berlin, Freiburg und Städte des Ruhrgebiets haben dieses Thema im Blick. Aktuell beschäftigen sich durch diverse Bundesforschungsprojekte zur Klimaanpassung weitere Städte intensiv mit dem Thema Stadtklima und Hitze, u. a.  Nürnberg, Karlsruhe, Dresden, Jena, Regensburg, Saarbrücken, Frankfurt, Essen, die hier eine Vorbildfunktion einnehmen. Interessant bleibt wie diese die definierten Anpassungsziele und -maßnahmen im Umgang mit Hitze dauerhaft in die Planung integrieren und welches Gewicht das Klima bei der Abwägung einzelner Planungsverfahren in Zukunft einnehmen wird.

 

Welche Bedeutung haben der Klimawandel und die damit verbundene Zunahme der Hitzebelastung für eine immer älter werdende Stadtgesellschaft?

Laut Klimaforschung sollen die Hitzebelastungen durch den Klimawandel signifikant zunehmen. Dabei werden Hitzewellen häufiger sein, länger andauern und vor allem höhere Temperaturspitzen - in Städten mit Tagen bis über 40 °C haben. Sowohl die lang andauernd Hitzebelastung als auch die höheren Temperaturen machen besonders älteren und kranken Menschen zu schaffen, da ihr Körper Hitze nicht so gut regulieren kann. Da unsere Gesellschaft immer älter wird und der Anteil der über 65-Jährigen stetig zunimmt, bekommt das Thema eine noch eine höhere Brisanz. Das Gesundheitswesen sollte deshalb mit der Stadtentwicklung stärker zusammenarbeiten und sich lokalpolitisch dafür stark machen, dem Thema mehr Gewicht zu geben.

 

Welche Maßnahmen können in Städten umgesetzt werden, um Hitzebelastungen zu mindern?

Es gibt verschiedene Strategien, um extreme Temperaturspitzen in Städten zu mindern und die Aufenthaltsqualität im Stadtraum zu verbessern. Tagsüber ist es entscheidend, dass möglichst wenig Sonnenenergie von den Baumassen, Straßenflächen und Parkplätzen aufgenommen wird. Straßenräume, Hinterhöfe, Plätze sowie Parkanlagen können zum Beispiel durch Bäume und Textilien beschattet werden. Auch für den Menschen ist es tagsüber im Schatten am angenehmsten. Wasserelemente im öffentlichen Raum helfen, damit sich der Körper kurz erfrischen kann. Befestigte Flächen sollten wo möglich entsiegelt und begrünt werden, da diese über ihre Verdunstung die Luft abkühlen können. Wichtig ist jedoch, dass diese immer ausreichend Wasser haben. Die Gebäude können mit Fassadenbegrünungen und Gründächern geschützt werden. Alternativ können hoch reflektierende helle Farbanstriche helfen, die Aufheizung zu mindern. Für die nächtliche Auskühlung ist die Kaltluftzufuhr über Frischluftschneisen in belastete Stadtbereiche sehr effektiv.

 

Kann man sich als Bürger bei der Planung einer klimagerechten Stadtentwicklung beteiligen?

Stadtentwicklung ist ein politischer Prozess. Grundsätzlich können sich alle Bürger zu laufenden Planungsprozessen und Bauvorhaben im Rahmen eines formellen Beteiligungsverfahrens äußern. Darüber hinaus setzt die Lokalpolitik und Stadtverwaltung wieder verstärkt auf einen breiten Öffentlichkeitsdialog mit themenbezogenen Veranstaltungen. Im Falle der Klimaanpassung ist dies sogar elementar, da diese Aufgabe nur gemeinsam bewältigt werden kann und auch das Eigenverantwortungsgefühl der Privaten hier gefragt ist. Einige Städte haben zu diesem Thema bereits Workshops und Informationsveranstaltungen durchgeführt. Bürgerinitiativen sind  immer eine sinnvolle Verstetigung eines solchen Prozesses. Ansonsten kann jeder im eignen Umfeld - am Wohn- und Geschäftshaus, bei der Garten- und Hinterhofgestaltung - viel dazu beitragen, dass die Stadt klimaangepasster gegenüber Hitze wird und die Lebensqualität in unseren Städten erhalten bleibt.

 

Zur Person

Nicole Baumüller studierte Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart und der University of Melbourne, Australien. Nach ihrem Abschluss. 2003 arbeitete sie zwei Jahre als Stadtplanerin in einem freien Planungsbüro und anschließend beim Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung der Landeshauptstadt Stuttgart. In dieser Zeit war sie zudem an diversen internationalen Forschungsprojekten berufsbegleitend tätig.

Seit 2010 promoviert Sie als Stipendiaten der Landesgraduiertenförderung bei Herrn Prof Dr. Franz Pesch an der Universität Stuttgart zum Thema "Klimaanpassung als Baustein einer nachhaltigen Stadtentwicklung - Planerische Anpassungsstrategien zum Schutz vor Hitzebelastungen in Städten".

 

 

 

 

Sokoll: Administrator
Letzte Änderung: 14.05.2014
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