NAR-Projekte

NAR-Projekt "Narration und Alzheimer Demenz"

 

Nemes Gaspar

 

Gaspar Nemes (Projektleitung)

 

 

 

 

 

In der Forschung zur sozialen Kognition ist der Zusammenhang zwischen Mentalisierung und narrativer Kompetenz seit längerem bekannt. Erzählungen gelten ja in vielen heutigen sozial-kognitionsneurowissenschaftlichen sowie narrativ-, kultur- und entwicklungspsychologischen Theorien als Speicher von Wissens-, Kommunikations- und Sozialverhaltensmustern, als Gesellschaftssimulatoren, Trainingsräume der sozial-kognitiven Praktiken. Geschichten verbinden und vernetzen Menschen und ihre Gehirne als Beziehungsorgane in einem gemeinsamen, narrativ kodierten Bedeutungsraum und erfüllen auch die basale Funktion der neuronalen Organisation und Integration motorischer, affektiver, kognitiver und sozialer modularer Netzwerke und Systeme in bzw. zwischen/unter den Gehirnen. Um Narrative konstruieren und verstehen, die mental-kognitiven, emotionalen, räumlichen, zeitlichen etc. Ebenen der erzählten Welten wahrnehmen, sich auf eine mentale Zeitreise begeben und in die narrative(n) Perspektive(n) und Logik einer Geschichte hineinversetzen zu können, muss das gesunde Gehirn über eine sehr hoch entwickelte und perfekt funktionierende Narrativ- und Mentalisierungskompetenz verfügen. Nur so kann der gesunde Mensch ein mit seiner bio-psycho-sozio-kulturellen Umgebung kompatibles Identitäts/Selfbild entwickeln und sich dadurch in seiner narrativ kodierten Welt zurechtfinden. Das gesunde Gehirn ist also zugleich ein einwandfrei funktionierendes narratives Gehirn

Die Defizite der sozialen Kognition sind bei vielen Erkrankungen des Gehirns (im Fokus unserer Untersuchungen stehen Autismus und Alzheimer-Demenz) im Grunde genommen auf eine beeinträchtigte Mentalisierungsfähigkeit zurückzuführen. Das infolge einer gestörten Sozial-Kognitions- und Narrativ-Kompetenz nicht zuverlässig funktionierende Gehirn ist also dementsprechend auch ein dysnarratives Gehirn.

Aufgrund dieses gedanklichen Kontextes erläutere ich im Rahmen meines NAR- Forschungsprojekts die Relation „Narrativität und Alzheimer-Krankheit“. Erstens stelle ich einen neuroanatomisch-psychologischen Erklärungsversuch für den gestörten Zugang des dysnarrativen Gehirns zu den narrativen, diskurspragmatischen und metadiskursiven Praktiken in den verschiedenen entwicklungspsychologischen Phasen der ganzen Lebensspanne vor. Meine Untersuchungen erzielen ferner eine prinzipielle Kritik an den Ansätzen der gängigen Theories of Mind in der aktuellen Forschung zur sozialen Kognition. Im Zusammenhang der Mentalisierungs- und Narrativkompetenzdefizite fallen außerdem ganz besondere Akzente auf die Analyse der narrativen Maske, der Störungen der narrativen Identität, Sicherheit und Reminiszenz im Alter im Allgemeinen und bei Alzheimer-Demenz im Besonderen. Schließlich versuche ich das sehr spannende Forschungspotenzial zu entfalten, das die Untersuchungen zur Beeinträchtigung der Mentalisierungs- und Narrativkompetenz bei Alzheimer-Kranken für viele Fragen der klinischen Neurolinguistik und der Narrativ-Gerontopsychiatrie sowie für die nicht-medikamentösen Therapie- und Rehabilitationsansätze der Alzheimer-Demenz-Forschung implizieren. Langfristiges Ziel des Projekts ist ja letztendlich die Ausarbeitung einer theoretischen Basis für den Brückenschlag von der Geronto-Narrativik zu einer Alzheimer-Demenz-Narrativik sowie die Entwicklung einer Narrativtherapie für Alzheimer-Kranke.        

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seitenbearbeiter: E-Mail
Letzte Änderung: 09.12.2015
zum Seitenanfang/up